Schlittschuh in Warschau

Warschau – eine Stadt voller entflammbarem Ideenreichtum auf urpolnischem Nährboden

Warschau? Wirklich? Warum?

Mit meinem momentanen Wohnort in Prag verwundet es wohl, warum ich den Jahreswechsel nicht in dieser magischen Stadt verbringe? Warum ausgerechnet nach Warschau? Da gebe es doch nicht viel.

Zum einen sei es dem Reisefloh in mir geschuldet. Habe ich mehr als zwei Tage am Stück frei, ist es nicht die Frage OB sondern vielmehr WOHIN?

Zum anderen vermute ich die Aufgabe hinter einer Reisenden, auch Orte zu besuchen, die auf den ersten Blick wenig touristischen Anreiz bieten.

Neben dem Charme einer Stadt aktiviert mich genau so sehr das Gefühl, zunächst komplett verloren an einem neuen Ort anzukommen.

Königsschloss Warschau Weihachten

IM BLICKWINKEL

Mir wurden viele Gründe genannt, warum ich nicht nach Warschau gehen sollte. Nun war ich aber da und suchte Dinge, die sich von anderen Städten abheben. Mit trockenen Geschichtsfakten allein ahnte ich, schnell die Lust am Sightseeing zu verlieren. Ein Guide musste her und den fand ich und er fesselte mich.

So wurde mein Spaziergang durch die Stadt zu einer Zeitreise durch die Geschichte.

Was bei einem Stadtrundgang auf den ersten Blick alt aussieht, wurde meist erst nach dem Kriegsende errichtet. Teilweise erkennt man noch Einschüsse im originalen Mauerwerk. Bis auf die innere Stadtmauer und Grenzsteine, die einst das jüdische Viertel abtrennten, wurde Warschau dem Boden gleich gemacht.

Warschauer Königsschloss
Warschauer Altstadt

ES STECKT MEHR HINTER DER FASSADE

Warschau ist mit aller Sicherheit nicht so hip wie Barcelona, so überwältigend wie New York City oder so kontrastreich wie Cape Town.

Warschau hat vielleicht optisch nicht viel zu bieten, dafür hat es viel zu sagen. Das Volk demonstrierte Überlebenswillen und die Kraft, schon kurz nach Kriegsende die Stadt aufzubauen.

Warschau akzeptierte keine Finanzierung von außen, schon gar nicht von Deutschland. Der Stolz war zu groß. Mit einer Steuer auf das Einkommen und derartigem Kraftakt wurde die größtenteils stilgetreue Rekonstruktion realisiert.

Nowy Swiat Warschau
Cafe Warschau Polen

WARSCHAU STECKT VOLLER FRISCHE

Warschau ruht sich nicht aus. Es geht heute weiter. Mit Glamour und internationalem Geist sowie einem Schuss urpolnischer Werte sprießt es hier vor Ideenreichtum.

Skyscraper Warschau

Das macht sich in der Architektur bemerkbar. Das Stadtbild prägt z.B ein Hotel mit Durchblick oder die Einkaufsmall Złote Tarasy mit ihrer außergewöhnlichen Dachkonstruktion. Die Mode scheint einen Schritt voraus zu sein.

Und auch mein Salty Caramel Shake toppte jede Erwartung. Gott sei Dank bringen ein paar Piergoi-Teigtaschen aus einer traditionellen polnischen Milchbar den Zuckerhaushalt wieder ins Gleichgewicht.

Milch-Shake in Warschau

HAUSFASSADEN, VERWINKELTE GASSEN UND MEERJUNGFRAUEN

Straßengassen und Häuserfassaden zu fotografieren sind in letzter Zeit mein Ding geworden. Davon gibt es in Warszawa genug. Besonders auf dem Altmarkt ergeben die Häuserreihen ein tolles Ambiente. Damals wusste man übrigens nicht, wie man Fenster horizontal einbaut. Daher erkennt man kleine Erweiterungen auf den Dächern, die dem Treppenhaus Licht spenden sollten.

Auch hier auf dem Altmarkt treffe ich die Schwester jener Meerjungfrau an, die ich kürzlich in Kopenhagen gesehen hatte. Die beiden stritten sich der Sage nach und trennten sich in unterschiedliche Richtungen. Die eine blieb an der Ostsee, die andere schwamm die Weichsel flussauf und hütet im Moment über die Eislaufbahn.

Schlittschuh Warschau
Fassaden Warschau

SILVESTER IN WARSCHAU

Leider ohne Feuerwerk, dafür mit Laserspektakel war der Plac Bankowy my place to be für die letzen Minuten des Jahres 2018.

Polnischer Beat und flotte Tänze heizten das Publikum vor dem Bühnengelände kräftig ein. Das Risiko, dass der kleine Ausschank auf dem Platz wie der Rest der Weihnachtsmarktbuden ihren Glühwein mit Wasser verdünnt, schätzte ich als unzumutbar ein. Die überraschende durstige Menschenschlange vor den Minimärkten – auch unzumutbar.

Mit trockener Kehle kratzte ich mit: „Dziesiec, dziewiec, osiem, siedem, …“ und der Countdown endete mit einer Explosion von Luftschlangen. Happy New Year! Ich bin froh, diesen Trip gemacht zu haben, wenngleich ich gespannt bin, auf welchem Kontinent ich den nächsten Jahreswechsel verbringen werde?

Silvester in Warschau

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