Verliebt in das Gefühl, unterwegs zu sein


Was einst eine berauschende Ablenkung vom 9-to-5-Job war, wurde irgendwann zu einer Leidenschaft. Heute ist das Reisen viel mehr für mich. Es ist fester Bestandteil meines Lebensstils.

Mit den Jahren finde ich neue Möglichkeiten, wie ich die Wanderlust in mein Leben integrieren kann und somit nicht nur einen Alltag schaffe, der mich immer wieder herausfordert, sondern auch einen Zustand, der mich glücklich macht.

Die einzige Konstante ist die Veränderung. Und die einzige Befürchtung ist, nächstes Jahr um die gleiche Zeit an demselben Ort zu sein.

Prag, wo ich jetzt lebe, ist der vierte Ort außerhalb Deutschlands in einer Zeitspanne von viereinhalb Jahren in dem ich meine Zelte aufschlage. Dieser sehr langsame Reisestil gibt mir die Zeit, in professionellen Jobs zu arbeiten und das Land wie ein Bewohner zu erleben. Authentisch. Mit den versteckten Hürden und kleinen Aufmerksamkeiten.

VIELE KLEINE MINILEBEN

Ich nenne es gern Minileben, das Jahr an einem Ort.

Denn im Grunde betrete ich das neue Land als Kind mit Tausend Fragen des Warum und Weshalb? Ich bin fremd. Ich kenne keine Socke, hab kein Konto oder Adresse, kenne weder Stadtviertel noch Lokale, die man besser vermeiden sollte.

Nach ein paar Wochen mag man Nachbarn öfters antreffen oder geht mit Kollegen zum Feierabendbier aus. Man hat seinen Lieblingsplatz für die Mittagspause gefunden. Und übernimmt vielleicht schon Verhaltensweisen, weil man das hier eben so macht.

Man lebt sich ein. Fühlt sich wohl.

Und ehe diese öde Alltagsroutine aufkommt, verlässt man das Land wieder.

Damit hinterlässt man ein Loch für alle, die davon ausgingen, du bleibst.

Und du selbst schreibst die letzte Seite im Buch und schlägst es zu. Mit bereichernden Erinnerungen. Mit Begegnungen, Spaß und Erkenntnissen, die nie zustande gekommen wären, wärst du nie aufgebrochen.

Immer realisiere ich erst viel später, wie toll es doch war an diesem Ort. Sydney hatte die für mich optimale Balance zwischen Stadtleben und Strandnähe. New York ist eine magische Stadt für mich, die mir so viel Energie mit ihren verschiedenen Facetten, dem Glanz und Funken 24 Stunden am Tag gegeben hat. Auckland machte aus mir eine Wandersfrau und einen Vollblut-Yogi.

Mit jedem Reiseland, mit jedem Reisejahr und mit jeder Reisebegegnung verändert sich meine Wahrnehmung zum Leben. Nichts ist unmöglich. Niemand ist perfekt. Und es gibt nicht DEN richtigen Lebensstil für alle.

Für mich wird es natürlich immer schwieriger und unmöglicher, wieder in alte Muster zurückzukehren. Aber wer sagt denn, dass ich das muss?V

VIELMEHR ALS NUR SIGHTSEEING

Reisen ist für mich mehr geworden, als Touren durch Gewölbegänge zu machen, Streetfood zu probieren oder bei Morgengrauen auf einen Gipfel zu wandern, um die Sonne über dem Ort aufgehen zu sehen.

Reisen ist nicht nur Neues sehen und aufnehmen, Fremdes kennenlernen und Momente digital festhalten.

Diese Dinge sind toll, aber was letztendlich zu einer Abhängigkeit führt ist für mich das Gefühl, fremd aber neugierig an einem neuen Ort anzukommen.

Du testest deine Erwartungen und reizt deine Begeisterung aus.

Mit jedem Schritt auf neuem Boden, mit jeder Stunde, mit jedem Handschlag, jedem Lächeln, jeder Begrüßung und mit jeder Bahnfahrt lernst du nicht nur den Ort und die Kultur kennen, sondern bestätigst, was du eigentlich schon weißt: Wir Menschen sind verbundener und ähnlicher als wie denken.

VOM BACKPACKING ZUM LANGZEITREISEN

Erzählen dir Anfang 20-Jährige, dass Reisen absolut geil sei – und das habe ich auch gemacht – dann sind sie eher verliebt in diesen abenteuerlichen Lifestyle völliger Freiheit, der von Roadtrips, Barhopping, Inselcruising und Work&Travel geprägt ist.

Bestenfalls bist du mindestens einen Ozean und 10 Zeitzonen von allen entfernt, die dir mit Bedenken zu Rente und Lebenslauf die beste Zeit deines Lebens miesmachen.

Stattdessen findest du Gleichgesinnte. Das erste Mal merkst du, dass dich jemand von einem anderen Kontinent besser versteht, als deine Landsleute. Man mag ähnliche Träume und Ängste haben. Vielleicht auch ähnliche Reisepläne. Man schließt sich zusammen, kommt sich noch näher und geht am Ende getrennte Wege. Und wieder setzt ein Lerneffekt ein. Wer Reisen will, muss Abschied nehmen können.

MIT 30 IMMER NOCH NICHT SESSHAFT

Mit 30 allerdings fällst du die Entscheidung zu einer Langzeitreise und gegen ein sesshaftes Leben bewusst. Mit 30 hast du einige Reisejahre hinter dir, hast verschiedene Emotionen des Wiederheimkehrens und Aufbrechens, des Abschieds und des Wiedersehens öfters durchlaufen.

Du kennst die Konsequenzen des Länderhoppings und tust es trotzdem.

Mit 30 bist du dir bewusst über die Auswirkungen, jahrelang nicht in die deutsche Rentenkasse eingezahlt oder keine Familie gegründet zu haben.

Ich denke, über 30-Jährige begeben sich auf eine Sinnreise. Der nomadische Lebensstil ist nur das Mittel für die Suche nach der Entfaltung.

Sich selbst zu verwirklichen steht an oberster Stelle. Damit stellen sie sich nicht unbedingt direkt gegen die Vorstellungen der Gesellschaft. Ihnen ist das eher gleich. Sie fühlen sich in der Welt zu Hause und sehen sich nicht als Bestandteil einer bestimmten Gruppe, von der bestimmte Dinge erwartet werden.

Langzeitreisende definieren Erfolg nicht über Besitz oder Karriere.

Stattdessen sei derjenige erfolgreich, der Kontrolle über sein eigenes Leben hat. Jemand, der sein Potential erkannt, nach Glück strebt und hart daran arbeitet, die Träume zu verwirklichen.

MENSCH, HAST DU EIN GLÜCK

Ich habe kein Glück, dass ich seit fast fünf Jahren in der Welt unterwegs bin, mir diesen Lebensstil finanzieren und das Leben einfach genießen kann.

Ich habe kein Glück. Ich habe mir diesen Lifestyle selbst erschaffen. Ich verzichte auf Dinge, Beziehungen oder Hingaben, die mir meine Freiheit oder Energie rauben und meinen Flow stören.

Ich kämpfe für meine Wünsche. Ich fälle Entscheidungen, die für meinen Reisestil förderlich sind.

Ich gehe keine Kompromisse mehr ein. Ich weiß, was ich will und auch, was mir nicht gut tut.

Ich wähle Jobs, die mir das Reisen finanzieren, mich in die Gesellschaft des jeweiligen Ortes einbinden und mir dennoch die Zeit zum Erkunden geben.

Ich lebe im Grunde ein sehr einfaches, aber fokussiertes Leben.

Ich lebe minimalistisch und achtsam. Flugverspätungen und versteckte Umrechnungsgebühren regen mich kaum noch auf. Über plötzliche tropische Regengüsse oder holprige Busfahrten auf dem Schoß einer Fremden lächle ich. Das gehört dazu.

REISEN IST MEIN LEHRER

Buche ich ein Flugticket, dann ist das meine Eintrittskarte für ein Training, aus dem heraus ich am Ende meinen Akku wieder aufladen kann.

Ich gehöre in die Welt.

Sie gibt mir Freiheit, Toleranz und ständig neue Reize. Die halten mich lebendig. Sie öffnen mir die Augen, das Schöne um mich herum zu erkennen.

Ich lerne über die Geschichte eines Landes, über die Sprache und über Essgewohnheiten. Aber auch darüber, wie sich das Klima verändert und sich Gesteinsformationen vor Jahrmillionen bilden konnten. Du bekommst ein anderes Gefühl für die Zeit. Dir wird plötzlich bewusst, welch kleinen winzigen Teil du im Erdalter einnimmst.

Wenn ich sage, ich bin reisesüchtig, dann meine ich süchtig nach diesen frischen Impulsen, die mir ein fremder Ort gibt.

Neue Eindrücke und andere Sichtweisen fordern mich auf, alles Gewohnte in Frage zu stellen, alte Denkweisen zu ändern und Muster zu überdenken.

Ständig neuen Reizen ausgesetzt zu sein, befähigt, mit Stresssituationen umgehen zu können und Probleme in einen neuen Kontext einzuordnen. Die Ferne bringt mir bei, mein eigenes Land zu schätzen. Sie zeigt mir meine Stärken auf. Sie gibt mir Kreativität, mit Unerwartetem umzugehen.

Ich lerne, Vorurteile abzulegen und Gesichtsausdrücke zu deuten. Ich lerne, mich in das Leben anderer besser hinein zu versetzen. Ich lasse mich sogar von Einheimischen inspirieren.

Einen neuen Ort zu erkunden, erzeugt in mir das Gefühl der Begeisterung. Es macht mich glücklich. Reisen lässt mich das Hier und Jetzt genießen. Es lässt mich im Moment leben und dafür dankbar sein. Es fordert mich mit Hürden heraus und lässt mich an ihnen noch größer und stärker wachsen.

Reisen heißt für mich nicht nur, ein Land, sondern vor allem sich selbst zu entdecken.

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