Wenn aus unbeschwertem Umherreisen ein nomadischer Lebensstil wird

Es war hier in Neuseeland als ich begriff, dass ich keine Reisende im Sinne einer kokosnussausschlürfenden, auf Streetfoodmärkten umherwandernden, im Kayak paddelnden, auf Rooftopbars feiernden, Gipfel erklimmenden, durch unbekanntes Milieu fahrenden, freiheitsliebenden abenteuerlustigen Backpackerin mehr bin, die keine Ahnung hat, welcher Tag heute ist oder wo sie nächste Woche sein wird. So startete ich 2014 mein Gap Year.

Mittlerweile habe ich temporäre Adressen auf verschiedenen Kontinenten, Simkarten aus jedem Land, ich lebe aus einem echte Kleiderschrank, finde Montage wieder doof und habe die Fähigkeit entwickelt, für einige Monate sesshaft zu werden, routinierte Abläufe und Pflichten zu befolgen und auf Trips zu gehen, die mich immer wieder zum selben Ausgangspunkt zurückbringen.

 

 

WORK & TRAVEL GLEICHGEWICHT

Es ist kein Stoff für einen Smalltalk, Außenstehenden zu erklären, dass ich Auckland nach zehn arbeitsintensiven Monaten verlasse. Warum? Es wird Zeit für etwas Neues.

Es wird Zeit, meine Work und Travel Balance wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Was bereits in New York wunderbar geklappt hat, bewies sich auch in Auckland: Einen temporären Lebensmittelpunkt zu schaffen um Geld zu verdienen, das Land als Bewohner kennen zu lernen und von dieser physischen Basis aus den Rest des Landes zu erkunden.

 

WER BIN ICH UND WAS MACHE ICH EIGENTLICH?

Was einst als Gap-Year begann, wurde nun zum … Was ist es eigentlich?

Wer bin ich? Eine Auswanderin, die sich nicht festlegen kann? Eine Reisende, die den slow travel Reisestil zu ernst nimmt? Eine Nomadin, die ihr Geld nicht digital, sondern analog verdient? Eine überzeugte Work & Travellerin, die ständig das gesunde Gleichgewicht anstrebt? Eine, die mit verschiedenen Ländern flirtet und abhaut, sobald es ernst wird? Eine semi-sesshafte Weltbürgerin?

 

SICH ÜBERALL HEIMISCH FÜHLEN

Die Fähigkeit, sich überall auf der Welt zu Hause zu fühlen, ist im Allgemeinen gut. Es zeugt von Anpassungsfähigkeit, Toleranz und Offenheit.

Doch mit dieser Fähigkeit hat man es schwer, sich irgendwo permanent niederzulassen. Du fühlst dich überall zu Hause, bist es aber nirgendwo. Es bedeutet auch, nirgendwo so richtig anzukommen, sich nirgendwo zu binden, Freundschaften oberflächlich zu halten, sich immer wieder in neue Jobs einzuarbeiten und die Wohnungseinrichtung aufs Minimalistische zu beschränken.

Und dann ist da immer die Überlegung, dass noch mehr da draußen in der Welt ist. Sich für ein Land zu entscheiden wäre doch nicht fair.

 

VIELE KLEINE MINI-LEBEN

In einer neuen Stadt anzukommen, die Fühler auszustrecken und ein Netzwerk zu schaffen um nach einigen Monaten genau diese Bindungen zu trennen und wieder loszulassen – welchen Sinn macht das?

Es sind die Spuren, die ich in einem Land hinterlasse, die Menschen, die in mein Leben treten und die Inspiration, die ich versuche weiterzugeben. Mit jedem Land lerne ich, mit jeder neuen Erfahrung vergleiche ich und mit jedem neuen Tag, den ich nicht zu Hause bin, schätze ich mein Heimatland (und all die anderen heimatähnlichen Orte) mehr.

Es klingt sentimental, wie ich es beschreibe. Und manch einer wird sich denken, warum diesen Aufwand, sich etwas aufzubauen, was am Ende nicht für ewig ist? Ja, es macht mich traurig, ein Land zu verlassen, in dem ich mich verwurzelt habe. Aber als Nomadin strebt man nicht danach, irgendwann anzukommen. Ich reise nicht zur Überbrückung von Lebensetappen. Ich mach das quasi als Hauptzweck.

Man fühlt, wann es Zeit ist, weiterzuziehen. Man schließt mit einem Ort ab, weil man Veränderung braucht – eine Veränderung, die für die Anfangszeit den Geist stimuliert bis das Neue zur Gewohnheit wird. Und dann ist es Zeit, wieder aufzubrechen.

 

WENN TRÄUME WAHR WERDEN

Es bedarf wohl einen kreativen Geist, der keine Grenzen kennt und Träume leben kann. Es ist ein Geist, der sich nie zufrieden gibt und ständig neue Destinationen und alternative Lebensstile abwägt. Es ist ein Geist, der dir die volle Kontrolle über das Steuerrad und Vertrauen in dich selbst aufzwingt.

„Wenn dir deine Träume keine Angst machen, dann sind sie nicht groß genug.“ Ellen Johnson Sirleaf (übersetzt)

Vielleicht bedarf es Mut und Entdeckerfreude. Vielleicht aber auch eine gewisse Risikobereitschaft. Oder vielleicht ein wenig von allem, Flügel wie ein Vogel und Wurzeln wie ein Baum haben zu können.

 

WANN WERDE ICH REISEMÜDE?

Ich frage mich, ob die Wahrscheinlichkeit, sich irgendwann in einem Land für immer niederzulassen mit den Reisejahren steigt oder fällt?

Ist es, je mehr man von der Welt gesehen hat, desto besser lernt man sich selbst kennen und findet irgendwann diesen perfekten Ort für sich? Tritt irgendwann die Reisemüdigkeit ein und man kann sich guten Gewissens für einen Ort entscheiden? Spürt man es, irgendwann angekommen zu sein?

Oder ist es, je mehr man von der Welt gesehen hat, desto mehr realisiert man, welch kleinen Raum wir einnehmen und wie viel die Welt noch zu bieten hat? Ist es, wenn dein Geist durch kulturelle Eindrücke einmal so gedehnt wurde, es schwer ist, wieder in alte Muster überzugehen? Ist es, je länger ein Überbrückungsjahr dauert, desto einfacher es ist, einfach weiterzureisen?

 

WENN FERNWEH ZUR HEIMATÄHNLICHEN SEHNSUCHT WIRD

Das Gefühl, nach einem Jahr wieder zurück in die Heimat zu fliegen, kann ich nicht in Worte fassen. Spannung! Sehr große Spannung, obwohl oder gerade weil ich weiß, was mich erwarten wird. Ich freue mich, in gewohntes Milieu zu reisen mit Produkten, die kein Supermarkt im Ausland führt, wieder meine Sprache zu sprechen, wo man mich kennt und ich mich nicht immer wieder neu vorstellen muss. Ich freue mich, bekannte Straßen entlang zu fahren, wo ich einst in den Kindergarten ging oder auf Festen feierte.

Ähnlich wird es mir gehen, nach vielen Jahren wieder nach New York, Sydney, Auckland oder Texas zurückzukehren, in denen ich einige Monate gelebt habe. Ist es nicht das gleiche Gefühl, Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, sich an die Zeit von Damals zu erinnern und diesen einen Schokoriegel kaufen zu müssen, weil es den nirgendwo anders gibt oder zu schauen, ob die Nachbarn von Damals noch da wohnen?

Die Heimat wird immer die Heimat sein, aber als Nomade schafft man sich weitere Bezugspunkte. Man baut Verbindungen auf, obwohl man sich nicht binden möchte. Und diese Bindungen bleiben, auch wenn man Schluss gemacht hat.

Aus einem Fernweh an einen Ort entwickelt man irgendwann eine heimatähnliche Sehnsucht. Die Sehnsucht nach dem Neuen lässt dich aufbrechen, um genau dieses neue Fremde verstehen zu lernen, ein Netzwerk aufzubauen und schließlich eine Erinnerung zu schaffen.

 

ES GIBT NUR EINEN RICHTIGEN WEG

Das Umherziehen lehrt mir unglaublich viel über die Welt, die Menschen und mich selbst. Eine Sache ist, dass es keinen generell richtigen Lebensstil gibt. Das Leben steckt voller Möglichkeiten, man muss sie nur erkennen. Es gibt nur einen richtigen Weg für sich selbst. Die Leute werden immer reden.

Leute fragen, vor was ich davonrenne und ich frage sie, vor was sie denn Angst haben?

Sie fragen, was ich zu suchen scheine und ich frage sie, wie sie sicher sein können, alles gefunden zu haben?

Sie fragen, wie lange ich das noch machen will und ich sage, solange ich glücklich bin.

 

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2 Gedanken zu „Wenn aus unbeschwertem Umherreisen ein nomadischer Lebensstil wird

  1. Hi Stefanie, ein toller Artikel der zusammenfasst, warum ich reise. Ich bin auch seit 3 Jahren unterwegs und habe noch so viel auf dem Plan. Im November geht es wieder auf den nächsten Kontinent und ich kann es kaum erwarten! Natürlich zahlen wir einen hohen Preis, aber seinen Lebenstraum leben zu können, ist glaube ich das wichtigste. Mir fällt es auch total schwer, nach Monaten oder sogar einem Jahr alles wieder einzupacken und loszureisen. Doch ich kann auch nicht einfach aufgeben… Reisen ist alles, was ich will. Nicht um zu flüchten, sondern um das Leben so zu sehen, wie es ist und genau das zu tun, was mich 100%ig glücklich macht. Was kommt bei Dir nach Neuseeland?

    1. Liebe Jacqui,

      je mehr wir reisen, desto weniger wollen wir uns an einem Ort verwurzeln. Das könnten wir auch gar nicht. Es gibt so viele Ecken auf der Welt, die nur darauf warten, von uns erkundet zu werden. Schön, die Gedanken einer Gleichgesinnten zu lesen. Denn oft bleibt man mit dem einengendem Gefühl, wenn man mal wieder Daheim ist, unverstanden und alleine.

      Nach Neuseeland bin ich in die Südsee gereist und momentan verbringe ich den Sommer in Deutschland.

      Ich wünsch dir alles Gute und viel Spaß weiterhin dabei deinen Traum aktiv zu leben.

      Schöne Grüße,
      Stefanie

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