Marokko

Reizüberflutung in Marokko

„Ich möchte gern mal nach Marokko“ ließ ich Anfang des Jahres ertönen. Und während ich schon durch so einige dubiose Orte in meiner Reisekarriere als überzeugte Solotravellerin getourt bin, hatten meine Eltern Bedenken. Berechtigt, wie ich nun sagen kann.

Gute Argumente, warum ich unbedingt allein nach Marokko reisen wollte hatte ich nicht. Aber, ich mach doch alles alleine.

Schlichtweg buchten meine Eltern eine Rundreise mit mir gemeinsam durch das Königreich. Nach mehr als einem Jahrzehnt war ich gespannt auf eine gemeinsame Reise zu dritt.

Rundreise durch Marokko
Palast Marokko

EINE GEFÜHRTE RUNDREISE DURCH MAROKKO

Ungewohnt war für mich nicht nur, von nun an mögliche Optionen kompromissbereit abzuwägen. Neu für mich war auch, kaum Einfluss auf den Lauf der Reise zu haben.

Ich stehe am Flughafen und halte ein Heftchen mit allen Tourdaten, Zeiten und allen wichtigen Stops in der Hand. Hätte ich vielleicht noch einmal schauen sollen, ob es nicht eine bessere Flugverbindung nach Agadir gegeben hätte? Sind die Hotels eigentlich zentrumnah? Und darf ich wenigstens das Shuttle vom Flughafen organisieren?

Über nichts von all dem sollte ich mir Gedanken machen. Sit back and relax!

Am Ende war alles gut so wie es verlief. Denn in einem Land so reich an atemberaubender Plätze hätte ich durch Eigenorganisation niemals all das sehen, schmecken und erfahren können, was ich in dieser Woche geboten bekam.

Marokko
Stadttreiben Marokko

MAROKKO IST KEIN LAND, DAS MAN ALLEINE BEREISEN SOLLTE

Ich merkte schnell, dass ich als alleinreisende Rucksacktouristen in Marokko schnell an meine Grenzen stoßen würde.

Im Menschengedränge werde ich an Marktstände gelockt und zum Kaufen beschwatzt. Ohne Blickkontakt laufe ich weiter. Mit einem „Nein, danke!“ lässt sich hier niemand leicht abwimmeln.

In einer Reisegruppe empfinde ich die bösen Verwünschungen, wenn man nichts kauft, etwas weniger unangenehm.

Von Distanz, Respekt, Rücksicht und Bedacht keine Spur.

Würde ich mich – alleine reisend – in einer engen Gasse der Souks verirren, müsste ich auf die schleierhaft nett angebotene Hilfe Fremder vertrauen. Würde man mich dann weiter in ein Verkaufshinterkämmerchen locken, wäre ich nie wieder zu finden.

Beängstigend!

„Nein, ich würde hier nicht alleine durchlaufen“, bestätige ich meinen Eltern.

Daher an alle, die gern selbst organisieren und schon öfters allein verreist sind: Werdet nicht leichtsinnig! Überschätzt euch bei der Einstufung der Sicherheit eines Landes nicht selbst. Reiseerfahrung ist gut, bietet aber keinen Schutz.

Und: Lasst euch auch mal frei. Lasst jemand anderen organisieren. Und versinkt voll und ganz im Land.

Kahle Landschaft
Alleine durch Marokko

LEBENSWEISE DER MAROKKANER

Mit Englisch, teilweise sogar Deutsch kommt man in Touristenzentren gut durch. Wer Französisch spricht, hat Vorteile. Arabisch ist die Hochsprache des Landes. Gesprochen wird aber ein marokkanisches Arabisch. Französisch ist die erste Fremdsprache. Berberisch ist ebenso ein Pflichtfach.

Auf dem Land besucht heute nur jedes zweite Kind eine Schule. Bis 2022 sollen Schulen aber gänzlich vom Staat gefördert werden.

Familien leben mit zehn und mehr Mitgliedern zusammen. Die Jüngeren gehen arbeiten und ernähren die Älteren. Ein Zimmermädchen verdient umgerechnet 140 Euro, ein Polizist 550 Euro und ein Hotelmanager um die 2.000 Euro im Monat.

Während des Ramadan darf zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang weder gegessen, noch getrunken oder geraucht werden. Ausnahmen bilden Alte, Kranke, schlanke Frauen und Kinder unter 18 Jahren. Um Mitternacht versammeln sich daher während des Ramadan Marokkaner gern auf Märkten um das Mahl zu zelebrieren. Dann gibt es meist Eierkuchen, Datteln und Milch.

Marokko vereint tiefe Traditionen. Diese spiegeln sich auch auf Hochzeiten wider. Sie dauern drei Tage, vernichten zwei Schafe und etliche Dirhams für die ständig wechselnden Brautkleider der Nacht und natürlich um all die nahen und weitläufigen Gäste zu bewirten.

Was auch interessant ist: In Marokko wird für Lehmhäuser keine Baugenehmigung benötigt. Sie haben den Vorteil, im Sommer kühl und im Winter warm zu halten. Daher werden selbst Betonhäuser mit einer Schicht Lehm abgeschlossen. Die obere Etage wird meist für die Kinder für später freigehalten oder eben ausgebaut sobald Geld da ist.

Lebensweise Marokkaner
Leben in Marokko

DIE REIZE ÜBERFLUTEN MICH

Ein Gang durch die engen Souks, die marokkanischen Basare, berauscht all meine Sinne. Als Orientneuling muten mich die neuen Eindrücke aufgeregt an.

Alleine könnte ich mir diese Reize ja dosieren. Aber will ich das überhaupt? Bin ich doch gerade hungrig nach den krassen, komischen und kuriosen Dingen.

Dieses Fleisch gibt’s nicht bei Aldi!“ ruft mir ein Koch eines Straßenimbis nahezu akzentfrei zu. Und wenn ich sonst in Marokko auf taub und blind mache, konnte ich das Schmunzeln nicht unterdrücken.

Weitere Reizüberflutung: Pferdekutschen fahren wie auf Bandabfertigung in mehrspurige Kreisverkehre. Scheint völlig normal zu sein. Und zu funktionieren.

Martktreiben Marokko

Irgendwann ließen wir den orientalischen Baustil hinter uns. Wir fahren durch Ifrane und damit in den sogenannten Schwarzwald Marokkos. Saftige Wälder, rote Ziegeldächer und Betonbauten dominieren. Hier haben die wohlhabenden Marokkaner ihre Sommerresidenz. Übrigens geht es hier bis 2.000 m hoch. Im Winter fährt man Ski. So kannst du an einem Tag Meer und Schnee sehen.

Während die Gerüche, das Gedränge und die Geräusche meine Sinne entzünden, gleitet der Tourguide langsamen Schrittes über die Pflastersteine der lebendigen Märkte.

Ein Momentum zwischen beherrschter spiritueller Ruhe und radikal unkontrolliertem Sinnesrausch.

Gegensätze halten hier nicht an. Hinter baufälligen Fassaden entpuppen sich die schönsten Paläste.

Behutsame Nomadenstämme schlürfen mit innerer Besonnenheit ihren Pfefferminztee. Aufbrausende Schlangenbeschwörer halten wie auf Ekstase Ausschau nach jedem, der ohne Spende Fotos schießt um sich dann die Kehle aus dem Hals zu brüllen.

Berber führen dich scheinbar guten Herzens durch die Wüste um dich dann nach ein paar gut gemeinten Münzen böse zu beschimpfen.

Zahnlose Mittvierziger starten Flirtversuche mit deutschen Brocken. Und alle Cafés sind männerdominiert.

Informations- und reizüberladen erinnere ich mich: Ich bin immer noch in ein und demselben Land.

Sonnenuntergang Agadri

LANDSCHAFTLICH EINFACH NUR WOW

Im Allgemeinen trocken, sandig, steinig, in hohen Lagen schneebedeckt, an Wasserstellen in der Wüste auch mal saftig grün aber in Zentren sehr urbanisiert.

Ein vegetationsbeflecktes Tal mit Dattelpalmen inmitten trockener Wüste ist – genau, einfach nur Wow! Ein solches Oasental habe ich noch nie gesehen.

Grüne Oase

Marokko ist abwechslungsreich.

Steile scharfe Gebirge. Sanfte grüne Hügel.

Hippe Atlantikstrände. Schneebedeckte Gipfel.

Die ewig weiten Sanddünen von Merzouga. Oder die Steinwüste von Hernada.

Serpentinen des schroffen Hohen Atlasgebirges. Oder die schattige Todra Schlucht.

Tal Marokko

Im Gebiet des Hohen Atlas geht es auf 2.260m über den Tizi n’Tichka Gebirgspass. Selbst in dieser Einöde werden Fotostops zu Verkaufsabwehrduellen. Die Aussicht allerdings ist Top!

Atlasgebirge Marokko
Hoher Atlas Marokko

Der am Fuße des Hohen Atlas befindliche Ortskern Aït-Ben-Haddou gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Lehmbausiedlung am Berghang in der Ferne verleiht dem Ort sein strammes Aussehen. Als Drehort vieler Filme sind die Bauten ursprünglich Wohnungen ohne Strom und fließend Wasser.

UNESCO Weltkulturerbe Marokko

DIE HAUPTSTADT RABAT

Rabat ist das kulturelle Zentrum des Königreichs. Im Mausoleum verbergen sich die Gräber Mohammeds V., seines Sohnes Hassan II. sowie der Vater des jetzigen Königs. Gegenüber ragt der Hassanturm als Wahrzeichen Rabats. Davor stückeln sich die unfertigen Bauten einer Moschee, die die größte der islamischen Welt werden sollte.

Rabat

Kasbahs, also die Festungen schmücken die marokkanischen Stadtbilder. Die Kasbah des Oudaias in Rabat offenbart einerseits einen hübsch hergerichteten Hintergarten und Blick über die Mündung des Bou Regreg.

Andererseits ist die Kasbah Eingangstor in das malerische andalusische Viertel. Im Labyrinth der eng gewundenen Gassen lassen sich tolle Fotos machen. Charakteristisch sind hier die blau und weiß getünchten Fassaden. Zauberhaft.

Fes
Fes blaue Gassen

VOM BLASSEN AGADIR ZUM LEBENDIGEN MARRAKESCH

Was gibt’s zu den anderen Städten Marokkos zu sagen?

Agadir ist beliebter An- und Abflugsort, aber nicht spektakulär.

Marrakesch ist modern orientalisch, dicht bebaut, lebhaft und kommerziell, aber irgendwie geheimnisvoll.

Fes wird von Marrakesch in seinen Schatten gestellt, obwohl es unheimlich schön ist. Besonders weil es das authentischere Leben einer orientalischen Großstadt widerspiegelt. Esel statt rasselnde Mopeds wie in Marrakesch beherrschen hier die Medina.

Fes in Marokko
Blick über die Stadt Fes

WÜSTE UND NOMADEN

Ein Highlight der Tour war es, die Sonne über den Dünen der Wüste von Merouga in der Nähe der algerischen Grenze aufgehen zu sehen.

Als Nomade der Neuzeit interessiere ich mich natürlich dafür, wie die Wanderfamilien leben und ihr Geld verdienen. Überraschend für mich führen sie einen sehr zeitgemäßen Lebensstil. Der Vater arbeitet in der nahegelegenen Stadt und die Kinder fahren mit dem Fahrrad zur Schule.

Informationen über Wasserstellen werden aber noch traditionell weitergesagt und (noch) nicht whatsappt.

Wüste Marokko
Nomaden
Nomaden Marokko

ZWIEGESPALTEN

Ich schwärme gern von den ständig wechselnden Landschaften Marokkos, den ästhetischen Palästen, den bunten Farben und reichen Traditionen. Durch die Rundreise habe ich viele verschiedene Orte gesehen, die es sicher wert sind, nochmals zu besuchen. Leider lebt meine Begeisterung nicht ohne der unangenehmen Anspannung.

Ein Beispiel: In Cafés sieht man ausschließlich Männer. Die Stühle sind so aufgestellt, dass sie zum Zentrum zeigen. Niemand sitzt mit dem Rücken zur Straße. Vorbeilaufende Frauen, die allein unterwegs sind, werden teils abwertend teils abartig angestarrt. Ich ordere für meine Eltern und mich einen Kaffee, bezahle selbst und stehe ungewollt im Blickpunkt.

In Marokko scheinen andere Gesetze zu gelten. Immer darauf zu achten, ob das Tun und Handeln vielleicht anstößig wirken könnte, macht mich unruhig. Erholsam klingt anders.

Ein Teppichverkäufer bot meinen Eltern Kamele für mich an. Spaß, Satire oder Skrupellosigkeit?

Ein Land kommt mit seiner Kultur, den Menschen und Einstellungen. Ohne die wäre ein Land nur ein Bilderbuch.

Um das Sehenswerte eines Landes kennen zu lernen, muss man es nicht bereisen. Beim Ortswechsel geht es gerade darum, Klischees zu hinterfragen, fremde mit den eigenen Werten zu vergleichen oder das Miteinander zu beobachten.

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Über die bunten Souks, die Medinas und das Essen schreibe ich im zweiten Teil zu Marokko.

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