cafe in prag

Klappe, die nächste: Ich geh nach Prag

Weder war es mein Traum, noch zog ich es jemals in Erwägung. Seit zwei Monaten bin ich in Prag. Es soll mein neues Zuhause werden.

Nachdem ich diesen Juli von Polynesien zurückkehrte, sollte mein nächstes Ziel nicht ganz so weit weg liegen. Irgendwo in Europa. Festlegen wollte ich mich nicht. Ich begann, nach Jobs zu suchen. Noch bevor mein Verstand Zeit hatte, logisch abzuwägen, meldete sich der Hunger nach Abenteuer und verführte mich dazu, meine Signatur unter einen tschechischen Arbeitsvertrag zu setzen.

Gehen Deutsche ins Nachbarland arbeiten, denkt man nicht unbedingt an Tschechien. Vielleicht war das allein schon meine Triebfeder, es in der Česká republika zu versuchen?

Der Reiz war groß. Die Herausforderung, ohne jeglichen Tschechischkenntnisse klarzukommen, natürlich auch.

Prag bei Nacht

Blick über die Gassen in Praha

SO NAH UND DOCH SO FERN?

Prag liegt zwei Stunden von meinem Heimatort entfernt. Sollte ja keine große Umstellung sein. Keine Zeitverschiebung. Es gibt Rossmann und Kaufland. IKEA ist exakt so aufgebaut, wie man es auch aus Deutschland kennt. Gefahren wird rechts. Kartoffeln und Schnitzel kommen hier auch auf den Teller. Und einige sprechen sogar ein wenig Deutsch.

Ich weiß auch, dass eben die kleinen Unterschiede in der Kultur mich erst in ein paar Monaten treffen werden, wenn ich richtig angekommen bin. Bis dahin ist das Neue noch verlockend und die Entdeckerfreude frisch.

Mit nicht viel mehr, als was in einen Rucksack passt bin ich bereits in der Vergangenheit in Australien, USA und Neuseeland angekommen und habe mir einen temporären Wohnort für mehrere Monate bis hin zu einem Jahr geschaffen. Natürlich ist der Ablauf mit dem, was am Anfang besorgt, unterschrieben und eingereicht werden muss und welche Ämter und Behörden mich sehen wollen, ähnlich. Doch der Start in Tschechien ist anders, denn ich spreche die Muttersprache so gut wie gar nicht.

Ich muss darauf vertrauen, dass Google mir Wohnungsinserate richtig übersetzt. Dass Verträge für Fitnessstudio und co. auch auf Englisch existieren, ist die Ausnahme. Ich muss den Kompromiss auf Wissenslücken eingehen. Trotzdem hatte ich bisher nicht das Gefühl, dass meine Unkenntnis der Sprache ausgenutzt wurde.

Hradschin Aussicht

GESALZENE SONNENBLUMENKERNE

Es wird mir kein zweites Mal passieren, dass ich versehentlich gesalzene Sonnenblumenkerne für mein Müsli kaufe, weil ich die Verpackungsaufschrift nicht lesen konnte.

Im Supermarkt schüttle ich wie blöd die Wasserflasche, um zu lernen, dass „neperlivá voda“ Wasser ohne Kohlensäure ist.

Mit der Nasenspitze dicht am Teepäckchen versuche ich mir einen leisen Hauch durch die Folienverpackung einzuziehen um die verschiedenen Sorten auseinander zu halten.

Es ist okay, wie ein Depp an der Tür zu drücken, obwohl groß und fett „Ziehen“ dran steht. Nur eben in Tschechisch.

Und was da am zweiten Tag in der Metro passiert ist, warum sie plötzlich hält, alle aussteigen und die Feuerwehrmänner angerannt kamen, weiß ich bis heute nicht.

Markt Prag

 

PRAG – ZWISCHEN APPLE STORE UND DENKMAHL

Ich denke, warum viele immer wieder nach Prag kehren ist die pulsierende Entwicklung der Stadt. Es wird versucht, Geschichte zu erhalten und zu kommunizieren. Zwischen romanischen Kirchen und barocken Palästen befinde sich hippe Cafes und sechsstöckige Nachtclubs. Von Antiquitätenläden bis zum neusten Fashiontrend gibt’s alles.

In Einkaufshäusern läuft man auf Teppichboden, passiert Handyladestationen und hört Klangmusik auf den Toiletten.

Zudem gibt es coole exotische Food Markets, wie z.B. ein Poke Hawaii Haus. Das bringt den rohen Fisch aus dem Pazifik in die tschechische Hauptstadt. Ein Laden, der sicher nicht die Masse anspricht, dafür aber eines ist: unkonventionell und andersartig. Und aus diesem Denken haben sich auch die Cafes in alten Lagerhallen herauskristalisiert oder die Blumenläden, die ebenso Buddha Bowls zubereiten.

Strasse in Praha

In Holešovice als auch in Žižkov bekomme ich einen Eindruck auf das gestrige Prag: Plattenbau bei dem der Putz abbröckelt, leerstehende Wohnungen und rostige Ladengitter, in die Zigarettenschachteln gestopft wurden. Eine Ecke weiter ein gläserner Businesspark. Es wird gebaut, restauriert und aufpoliert.

Folgt man ohne Stadtplan den verwinkelten Gässchen, steht man vielleicht irgendwann im Hinterhof eines Restaurants oder vor der Holztür zum Gewölbekeller.

Strassencafes in Prag

 

AUF DEN ERSTEN BLICK

Auf den ersten Blick fühle ich mich wohl. Ich mag den Charakter, den jedes Stadtviertel ausstrahlt. Vršovice ist das Hipsternest. Vinohrady ist das der noblen Bürger. In Staré Město, der Altstadt, ist man Mitten im Geschehen. Geschäftiges Treiben am Wenzelsplatz herrscht auch in der Neustadt. Von beschwipsten Junggesellenabschieden bekommt man auf der westlichen Moldauseite im ruhigeren Malá Strana nicht so viel mit. Ich bin gespannt, ob Holešovice mit seinen Boutiquen, Delikatessenläden und Kunstgalerien das neue Trendviertel werden wird.

Ich mag, dass die Stadt dank Metro und Straßenbahn sehr gut vernetzt ist. Ich mag die Tante Emma Läden und dass man bis spät abends noch bummeln kann. Shops und Malls haben übrigens auch sonntags geöffnet.

Ich mag die Nähe zum Fluss, die Tretboote, die Inselchen, die Dampfer und die Brücken. Ich mag den Blick über die sonnenbeschienenen Dächer und vergoldeten Türme der Prager Altstadt.

Blick über die Moldau

 

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