Wie planlos ist slow travel eigentlich? – Teil 3

Wie planlos ist slow travel eigentlich? – Teil 3

Kürzlich habe ich die Frage nach dem Reisetempo gestellt: Wie langsam ist slow travel eigentlich? Die Great-Ocean-Road flitzte ich entlang – wohl zu schnell für den slow travel. Die Ostküste Australiens dagegen sehr langsam – wohl zu langsam für den slow travel. Langsam oder schnell? Gibt’s eine Reisedurchschnittsgeschwindigkeit, unter die ich als slow traveller falle?

In diesem Beitrag frage ich nach der Organisation des Reisens. Slow Traveller behaupten gern, keinen Plan zu haben. Ohne To-See-Liste. Ohne Must-Do-Liste. Sich treiben lassen. Go with the flow. Was für ein Klischee.

Ich weiß für mich: Ganz ohne Reiseplan geht es nicht.

Reiseplanung

Ein Plan schließt die Bereitschaft, mit unvorhersehbaren Dingen gut umzugehen, nicht aus. Im Gegensatz. Wenn ich einen Plan im Hinterkopf habe, kann ich spontaner handeln. Ich habe Zeit für ungeplante Ereignisse oder Bekanntschaften.

Den Reiseplan mache ich. Ich kann ihn kreativ gestalten. Ich kann ihn abwandeln oder umkippen. Mut zur Lücke! Doch dazu später mehr. Jetzt geht es um die Sache mit dem Plan. Braucht man einen?

Karte zur Orientierung

 

PLANLOS GEHT DER PLAN LOS

Go with the flow. In den Tag hineinleben. Spontan sein. Für alles offen sein. Klingt ja ganz toll. Aber ich selbst möchte nicht kopf- und ziellos irgendwohin gespült werden.

Mein Erlebnis in Thailand: Ein Argentinier benutzte diesen Leitsatz – go with the flow –oft. Und er begann, mich zu nerven – der Spruch und er auch. Ich traf ihn auf Kho Lipe. Er zog jeden neuen Backpacker zurate. Wo geht es als nächstes hin? Was gibt es dort zu sehen? Wie kommst du dorthin? Am Ende schließt er sich mir an. Puh! Wir – naja, mein Anhängsel und ich – fuhren mit der Fähre nach Kho Lanta. Er checkte in das gleiche Hostel ein, da er absolut keine Ahnung hatte, wo er überhaupt sei, welche Form die Inseln hatte und was ihn überhaupt dazu befähigte, diese Richtung einzuschlagen. Ich will nicht sagen, dass ich mich auskannte, aber ich hatte eine Idee von meiner Destination. Er schwamm mit dem flow. Nur leider kopfunter. Ich weiß nicht, was er suchte und vermutlich nicht fand. Aber, am nächsten Morgen zog er weiter.

Ich bin mir nicht sicher, ob er ein Slow Traveller war. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt ein Traveller war. Ein krasses Beispiel, sich desorientiert aber unbeschwert fortzubewegen.

ZWEI DINGE WURDEN MIR AUF REISEN BEWUSST

1 MUT ZUR LÜCKE

Verinnerlichen wir uns das mal. Wir müssen nicht alles sehen. Wir müssen nicht alles fotografieren. Wir müssen nicht alles wissen. Wir müssen nicht jede Schautafel durchlesen. Wir müssen nicht alle Gerichte auf dem Menü probieren. Und wir müssen nicht auf jedes Lookout.

Erst nach etwa neun oder zehn Monaten auf meiner langen Reise verstand ich es. Unvorhersehbare Ereignisse kommen unvorhergesehen. Ohne Zwang. Und diesen Zwang, alles sehen zu müssen, habe ich nun auch abgelegt.

Wie viel Aufmerksamkeit schenke ich dem Must-See? Wenn ich verstehe, dass das Must-See ein Could-See ist, reist es sich unbefangen.

Erst in den letzten Monaten meiner Reise war ich so sehr in Balance, wie noch nie. Ich ließ wirklich los. Ich konnte mich sehr gut auf mich selbst verlassen. Ich hatte das Gefühl, diese unvergesslichen Begegnungen und Geschehnisse anzuziehen. Sie fügten sich um meinen Plan. Das war toll! Und ich war mir sicher, dass würde weiter passieren. In diesen letzten Monaten meiner Reise konnte mich das Must-See mal ordentlich. Es war okay, wenn ich den Ort nicht in voller Blüte aufsaugte. Ich tat, was ich in dem Moment wollte, und wenn das ein Cocktail zum Mittag bedeutete.

Wenn ich Reisegeschichten von anderen höre, bin ich immer fasziniert. Ich google sie. Aber, ich lasse mich nur inspirieren. Ich baue keinen Druck auf. Vielleicht landet das Erlebnis, von dem mir jemand kürzlich berichtete, auf meiner Bucket-List? Vielleicht aber auch nicht.

Du musst selbst abschätzen, wann dein Speicher voll ist und du dir lieber Kaffee und Wifi suchst. Oder eine Parkbank und ein Buch. Oder dein Hotelbett und die Augenmaske.

A drink from paradise, available on earth

2 BEREITSCHAFT, MIT UNVORHERGESEHENEN DINGEN KLARZUKOMMEN

Einen groben Plan A, B und C habe ich im Kopf. Fakt ist:

  • Ich mag Struktur.
  • Ich mag Listen.
  • Ich mag diese Aufzählungspunkte.

Keinen Plan zu haben in der Art von „Planlos geht der Plan los“, wäre für mich das Schlimmste. Naja, nicht das Schlimmste, aber es würde etwas fehlen. Als würde mich jemand irgendwo absetzen und jetzt tu mal. Die Wege, die ich dann doppelt laufen würde, ließen sich vermeiden. Hätte ich doch im Voraus nur einen Blick auf Karte geworfen. Oder mir ein paar Punkte notiert.

Ob wirklich alles so klappt, wie vorgenommen? Hoffentlich nicht!

Es kommt darauf an, die Perspektive zu wechseln. Wie gut kann ich mit Dingen klarkommen, die spontan passieren?

Mein Erlebnis in der Gebirgskette der Blue Mountains, Sydney:  Ich informierte mich, wie ich dorthin komme und über Wanderwege. Am Ausgangspunkt der Wanderwege angekommen, fotografierteich die Three Sisters. Die sind auf jeder Postkarte und nun ja, ich brauchte auch ein Foto. Dort traf ich Adam. Adam ist vor mehr als 40 Jahren von Polen nach Australien ausgewandert. Die Blue Mountains sind seine zweite Heimat. Er kennt sich sehr gut aus. Er erzählte mir von den Eukalyptusbäumen. Von Flora und Fauna.  Er erzählte mir von seiner Lebensgeschichte. Von seinem Glauben. Und warum er oft hier her, an diesen Aussichtspunkt, kommt. Ich genoss das Gespräch. Adam ist ein herzlicher Mensch. Er gab mir ein kleines Heft mit Weisheiten über Gott und die Welt mit. Dieses Heft habe ich heute noch. Er ist wirklich herzlich. Ich hoffe, es geht ihm gut.

Blue Mountains

Alles, was ich von den Blue Mountains sah, war das Bild, was man auf jeder Postkarte findet. Ich nahm mir mehr vor, aber ich schaffte es nicht. Es war mir aber egal. Ich verwarf meine To-See-Liste, als ich Adam traf. Adam bleibt in meiner Erinnerung. Wenn ich später in Wäldern unterwegs war, dachte ich oft daran, was mir Adam lehrte.

Ich mag Dinge, die zwischen diesen Aufzählungspunkten passieren.

Eine Liste ist zum Abhaken da. Im Büro und Alltag macht es Sinn. Aber nicht auf Reisen. Es ist eine Liste, aber keine Checkliste. Check? Vielleicht sollte ich es nicht Liste, sondern Gedankenstütze nennen.

Selbst mit oder gerade weil es einen Plan gibt, wird die Reise zu einem individuellem Erlebnis. Ob diese Tatsache eher auf dem fast oder slow travel Mist gewachsen ist oder im Soloreisestil begründet liegt, weiß ich nicht.

Diese zwei Dinge – Lücken lassen und bereit sein für Unvorhergesehenes – habe ich für mich auf einer Reise gelernt. Ob ich damit eher zu den slow travellern zähle? Vielleicht. Vielleicht auch nicht unbedingt. Vielleicht mal mehr. Vielleicht mal weniger.

Egal ob schnell oder langsam, allein oder in der Gruppe, ob Budgetreise als Backpacker oder Luxus als Pauschalreise – wir wollen doch alle nur eins: die Welt sehen.

Dieses Sammelsurium aus meinen Gedanken schrieb ich für dich, für mich und überhaupt für comfortzoneless und ganz passend auch für die Blogparade von Marc und John auf 1thingtodo, die zum Thema slow travel aufriefen. Ich bin gespannt auf die Gedanken von anderen slow travellern, fast travellern oder denen, die sich nicht einordnen wollen.

Im Teil 1 und Teil 2 zum slow travel Reisestil habe ich mich kräftig ausgelassen. Und du wirst es doch auch gleich tun…da unten in den Kommentaren…oder?

9 Kommentare

  1. Hej Stefanie
    Ein schöner Beitrag! Mir gefällt der Anstatz von „Could-See“. Absolut meine Einstellung.
    Ich mag Sehenswürdigkeiten, aber genauso mag ich es auch mal keine zu sehen, sondern evtl. ihnen viel mehr entgegen zu laufen.
    Wir sollten uns nicht unbedingt in eine Gruppe einordnen, sonder einfach unsere Lust und Laune ausleben.
    Ich mag die Inspiration von Sehenswürdigkeiten, auch mag ich es nicht alles sehen zu müssen.
    Irgendwie finde ich es an kürzeren Reisen auch toll, wenn man nicht Zeit für alles hat. Kennst du das?
    Liebe Grüsse, Igor

    • Hi Igor,
      danke für deine Gedanken.
      Ja, das kenne ich gut. Man soll sich doch immer noch etwas für den nächsten Besuch lassen und nicht alles auf einmal abgrasen. Und es stellt sich auch die Frage, wann ich alles gesehen habe. Dieser Zeitpunkt wird wohl nie eintreten – zum Glück.
      Viele tolle Eindrücke für unterwegs und liebe Grüße,
      Stefanie

  2. Liebe Stefanie,

    Ich denke ein richtiges Loslassen und richtige Erholung ist erst Möglich, wenn wir das Ruder aus der Hand geben und uns treiben lassen. Darum wollen ja so viele Menschen einfach nur Strand-Urlaub machen, weil ständig auf Entdeckungstour zu sein, ist doch sehr anstrengend. Ich denke aber das das Reisen dann zur Erholung wird, wenn man keine großen Erwartungen hat und das Leben genießt. Dann kann auch wieder ein Roadtrip, ein Trip durch ein ganzes Land oder Ähnliches was sonst mit vielen Strapazen verbunden ist, wieder erholend sein. Wenn man sozusagen im „Flow“ ist und keinen Druck mehr hat, alles schaffen zu müssen. Ein roter Faden ist trotzdem interessant, sonst weiß man irgendwann vielleicht nicht weiter. Und wenn man den Faden verliert oder in einem anderen Land landet- auch gut 😀 Es ist natürlich auch immer ein Abschätzen von Sicherheit und Risiko und jeweiligen Bedingungen vor Ort, wie viel Mut zur Lücke man sich zugesteht. Sich Treiben lassen ist in England sicher einfacher als irgendwo am Ende der Welt.

    Liebe Grüße, Anja

    • Hallo Anja,
      danke, dass du deine Gedanken hier teilst.
      Du bringst einen guten Punkt ein: die Erwartungen. Je nach Erwartungshaltung kann man loslassen oder eben nicht.

      Auf meinem Blog möchte ich Trends und Strömungen aufzeigen, aber die Leser nicht damit überdecken und sie schon gar nicht als einzig wahre Option darstellen. Ob es das digitale Nomadentum, den Reisestil des Slow Travel oder der Soloreisestil ist oder die Annahme, dass Arbeiten überflüssig und der Alltag langweilig ist – es gibt momentan viele Trends, die als das Nonplusultra angepriesen werden. Ich schreibe gern darüber, dass es eben nicht das Nonplusultra sein muss. Ich möchte Anstöße zum Nachdenken geben. Und ich möchte, dass eine Diskussion verschiedener Ansichten entsteht. Daher finde ich Kommentare auch nützlich und bereichernd – zumindest sollten sie das sein. Deshalb, danke für deine Meinung, Anja. Ich find es toll, wie du die Ansicht zur Reise auf das Leben projizierst. Denn ein Reisestil fällt nicht weit vom Lebensstil. Beides hängt eng zusammen.

      Behalte deinen Entdeckungsdrang und viele liebe Grüße,
      Stefanie

  3. Schön, dass ich deinen Blog entdeckt habe. „Slow-Traveller“, da fühle ich mich angesprochen. Ich denke mal auch als Slow-Traveller kann man einen Plan haben, einen ungefähren eben. Nichts genaues natürlich, weder zeitlich noch räumlich. Ein paar Punkte eben. Ich taste mich beim Reisen eher vorwärts, als dass ich eine Liste Punkt für Punkt abarbeite, obwohl ich so eine Liste natürlich habe, aber es gibt keinen Zwang und kein Muss. Initial ist die Liste sogar ziemlich leer und füllt sich dann unterwegs, durch Gespräche mit Einheimischen oder anderen Reisenden, die eine Empfehlung aussprechen. Je nach Laune und Tagesform mache ich dann hier und da einen Abstecher, und wenn es mir irgendwo gefällt, dann erlaube ich mir dort hängen zu bleiben; 3 Tage, eine Woche, einen Monat. Und dann höre ich auf meinen Bauch, der mir sagt, jetzt solltest du mal weiterziehen. Ich werde es nie verstehen, wie Leute von einem Ort zum anderen hetzen, um möglichst viele Sehenswürdigkeiten ab zu klappern. Was für ein Stress. Und eigentlich lernt man auf diese Art auch nichts wirklich kennen. Denn oft erschließen sich einem die Geheimnisse eines Ortes erst dann, wenn man sich dort eine gewisse Zeit aufgehalten hat.

    • Hallo Crischo,
      die Einheimischen wissen halt Bescheid. So ist es. So ein Gespräch mit einem Local hat mich bisher immer bereichert. Manchmal ist es grandioser, den Tip eines Einheimischen zu folgen, als denen des Reiseführers. Allerdings muss ich auch sagen, nicht völlig fremd an einen Ort zu kehren und sich gar nicht vorher zu informieren, kann viel Zeit und Nerven im Nachhinein kosten. Und das könnte eventuell Stress bedeuten.
      Danke für deine Reisegedanken!
      Viele Grüße,
      Stefanie

  4. Pingback: Slow Travel: Kann man langsames Reisen planen? - 1 THING TO DO

  5. Stefanie, du solltest aus deinem Satz: „Denn ein Reisestil fällt nicht weit vom Lebensstil. Beides hängt eng zusammen.“ noch ein Zitat für deinen Beitrag machen. Ich finde er beschreibt das Szenario enorm passend!

    LG Daniel

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