Wie langsam ist Slow Travel eigentlich? – Teil 1

Wie langsam ist Slow Travel eigentlich? – Teil 1

Sich treiben lassen, mit Einheimischen plaudern oder stundenlang picknicken. Der Reisestil des langsamen intensiven Reisens überrollt die Welt. Eile und Hektik auf Reisen haben ausgedient.

Wirklich? Welches Reisetempo heißt denn slow travel? Was heißt fast travel? Wie langsam muss ich reisen, damit ich ein slow traveller bin? Und was ist mit einen Zwischending?

Denken wir wirklich nur in Schwarz und Weiß? Slow Travel oder fast travel? Reisender oder Tourist? Pauschalurlaub oder Backpacking? Denken wir doch mal in Graustufen. Oder in Farbe. Farbe ist gut.

 

WIE LANGSAM MUSS ICH REISEN, DAMIT ICH EIN SLOW TRAVELLER BIN?

Langsam. Schnell. Wie kann ich das einschätzen? An welcher Norm mache ich das fest? Gibt’s eine Durchschnittsgeschwindigkeit, die ich als slow traveller unterbieten muss? Gibt’s eine Formel? Ich hoffe nicht.

Ob slow travel oder fast travel. Es ist eine Selbsteinschätzung. Wie langsam ist denn nun der slow travel Reisestil? Keine Ahnung. Aber ich habe so ein Gefühl.

ALS ICH ZU SCHNELL FÜR DEN SLOW TRAVEL WAR …

An der Great Ocean Road. Dort erfüllte ich wohl alle Kriterien, die ein langsam Reisender nie machen würde. Ich hatte einen Plan. Ich hatte eine Liste. Und ich hatte Zeitdruck. Über eine Car-Relocation mietete ich mir einen Campervan in Hobart/Tasmanien. In fünf Tagen sollte ich den Camper über den Wasser- und Landweg in Adelaide abgeben. Deshalb brauchte ich einen Plan. Einen guten Plan.

Auf welchen Parkplätzen kann ich nächtigen? Welche Campingplätze gibt es? Welche guten Campingplätze gibt es? Was gibt es sehenswertes? Was ist mit dem Teil, wo die Great Ocean Road endet und Adelaide anfängt? Gibt’s da was zu sehen? Muss ich dafür Zeit einplanen? Wie viele Kilometer kann ich am Tag zurücklegen? Was ist mit einem Ladekabel fürs Auto? Wie viele Scheiben Toast sollte ich im Voraus kaufen?

Great Ocean Road Roadtrip

Mit einer gründlichen Planung fühlte ich mich sicher. Mit einer To-See-Liste fühlte ich mich startklar. Ich hatte nicht das Gefühl, unter Druck zu stehen. Hektik ist nichts was ich auf Reisen möchte. Organisation dagegen schon.

Einen Nachmittag hatte es furchtbar geregnet und gestürmt. Ich wollte unbedingt zu diesem verflixten Blowhole. Es stand auf meiner Liste. Und so fuhr ich einen Umweg über holprige Wege mit zahlreichen Kühen auf der Straße. Ich rannte im Regen zu dem Lookout an diesem Blowhole. Ich schoss ein paar Fotos und rannte wieder zurück in den Campervan. Haken dran. Ich zog mich dort um und fuhr zur nächsten Markierung auf meiner Karte.

mit einer Karte reisen

Das war so überhaupt nicht slow-travel-like. Na und?!

Aber ich hatte auch Momente, wo ich einfach weiterfuhr und weiterlief. Und ich wunderte mich, wo die denn alle sind? Ich chillte oft mit offener Heckklappe zum Meer gerichtet. Am Abend genoss ich die Gespräche mit anderen Campern. In Erinnerung blieb mir ein australischen Paar. Sie nahmen sich für eine Reise durchs eigene Land ein Jahr Auszeit. Für Australier ungewöhnlich. Sie reisten mit einem Luxusanhänger. Und einer Kaffeküche. Sie erhofften sich, auf ihrer Tour Cafe to go zu verkaufen. Von dem Geld wollten sie die Reisekasse aufbessern. Irgendwie klappte das aber nicht so recht.

Mich auf der Great-Ocean Road komplett auf den Zufall zu verlassen? Ich wäre verlassen. Keine ungefähren Entfernungen im Kopf zu haben. Ich hätte nicht beruhigt starten können. Ich hätte die Befürchtung, etwas Sehenswertes auszulassen.

Ich brauche Struktur. Ich brauche ein Grundgerüst zwischen dessen Lücken ich kreativ werden kann.

Ich reise alleine. Ich kann meine Koordinaten augenblicklich ändern. Ich kann umschwenken. Ich kann wieder zurück schwenken.

slow travel reisen

Aber es gibt sie, die Leute, die ungeplant und ungehemmt eine solche Tour machen. Die planlos in ein Abenteuer gleiten. Die sich treiben lassen. Die komplett loslassen. Und ihre Umgebung so aufnehmen, wie sie sich darbietet. Ohne Reue, Druck oder Einengung.

 

ALS ICH ZU LANGSAM FÜR DEN SLOW TRAVEL WAR …

Wir bleiben in Australien. Meine ersten vier Wochen in Down Under bewegte ich mich sehr langsam fort. Ich hatte das Gefühl, still zu stehen. Ich saugte alles auf. Jeden Winkel. Ich hielt in Dörfern an, von denen mir zuvor Leute erzählten, dass es nichts zu sehen gäbe. Aber ich sah doch etwas, was mich bereicherte. Ich entdeckte viel. Ich genoss. Ich erlebte intensiv und individuell. Ich fuhr mein Reisetempo annähern gegen Null.

stressfrei reisen

Gleichermaßen war es wenig ereignisreich im Sinne von Abenteuern. Stress blieb völlig aus. Es war eintönig und reizlos. Mir fehlten diese packenden Eindrücke. Dieses „Wow“. Bevor ich Sydney für das Silvester-Spektakel erreichen wollte, plante ich wohl zu viel Zeit ein. Ich erwartete zu viel von den Örtchen. Und die Örtchen gaben mir zu wenig. Ist nicht schlimm. Es hat mir nicht geschadet.

 

ENTWEDER LANGSAM ODER SCHNELL REISEN? ES KOMMT DARAUF AN.

Schwarz oder weiß? Urlaub oder Reise? Touri oder Backpacker? Mehr Erlebnisse oder mehr Sehenswürdigkeiten? Wirklich?

DAS REISETEMPO KOMMT AUF VIELE FAKTOREN AN:

  • Wie bewege ich mich auf Reisen fort? Mit einem klapprigen Van in Lombok oder dem Nachtzug in Thailand reise ich eher langsam und kann die Umgebung aufsaugen. Mit einem Mietauto auf begrenzte Zeit muss ich Gas geben. Ich reise schneller. Ich muss mich vorher über die Strecke informieren. Ich brauche einen Plan.
  • Mit wem reise ich? Allein kann ich mein Reisetempo selbst bestimmen. In einer Gruppe muss ich mich anpassen. Mit Kind variiere ich meinen Reisestil wahrscheinlich öfters.
  • Was bezwecke ich mit der Reise? Will ich nur Sightseeing machen? Will ich im fremden Land arbeiten? Will ich die Sprache lernen? Will ich bewusst eine Auszeit vom Umherziehen nehmen? Will ich die Sau raus lassen?
  • Wie viel Zeit steht mir für meine Reise zur Verfügung? Auf einer mehrwöchigen Reise kann ich planlos mit einem Motorbike entlang Küstenstraßen rauschen. In einem 14-tägigen Urlaub überlege ich mir, ob ich wirklich planlos starte. Denn dieser Tag könnte vielleicht auch verloren sein.
  • Welches Budget habe ich zum Reisen? Das Reisebudget korreliert mit dem Reisetempo. Schneller von A nach B zu kommen, kostet meist mehr. Steht mir viel Zeit und wenig Geld zur Verfügung, weiche ich auf local transportation aus. Automatisch lerne ich das local life kennen.

Warum versuchen wir in neuster Zeit, uns entweder zu der einen oder zu der andere Gruppe zu zählen? Warum schieben wir andere klischeehaft in eine Schublade? Um uns zu der besseren Seite zu zählen? Zu der Seite, die den slow travel Reisestil praktiziert? Nur um zu erzählen, dass wir so viele Eindrücke von dem authentischen Leben im Land erfahren haben? Oder wollen wir vielleicht nur zu der einen Gruppe gehören? Will nicht jeder krasse Abenteuer erleben? So viel wie möglich aus der fremden Kultur aufnehmen? Na klar. Off the beaten track laufe ich oft. Ob ich deswegen eine vollblutige langsame Reisende bin?

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Lies auch weiter in Teil 2: Wie klischeehaft ist slow travel eigentlich? und Teil 3: Wie planlow ist slow travel eigentlich?

2 Kommentare

  1. Spannende Gedanken zu deinem Camper-„Plan“.

    Und jetzt muss ich fragen: Ist, ein Plan zu haben, weniger „Slow Travel“?
    Letztes Jahr hatte ich auf meiner Frankreich-Tour einen Plan. Mit Orten, die ich besuchen wollte. Mit gebuchten Betten. Ich fuhr Bein und hatte das Gefühl, mich treiben zu lassen.

    Wenige Wochen später war ich in Südengland. Mit dem Mietwagen. Ich buchte nix weiteres vor, wollte sehen, wohin der Weg mich führt. Was hieß, dass ich täglich am iPhone hing, und nach irgendeinem bezahlbaren Zimmer suchte. Ätzend. Stress. Nicht gerade Freiheit fördernd.

    Das aber nur dazu. 😉

    Schöner Beitrag!

    • Hallo Tobias,
      das sind zwei gänzlich unterschiedliche Erfahrungen, die du gemacht hast. So ganz ohne ein paar Bemühungen im Voraus kann das im Nachhinein ein paar graue Zellen kosten. Ich kenn das auch!
      Diese Frage, ob Slow Travel ohne Plan zu reisen heißt, ist gut. Während des Schreibens kamen mir so viele neue Denkansätze, dass ich beschloss, sie in einen separaten Artikel zu packen.

      Viele Grüße,
      Stefanie

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