Wie klischeehaft ist slow travel eigentlich? – Teil 2

Wie klischeehaft ist slow travel eigentlich? – Teil 2

Slow travel oder fast travel. Warum versuchen wir, uns in eine der beiden Kategorien einzuordnen? Und warum ordnen wir andere ein? Zum Beispiel diese Touristen, die ihre Sighseeing-Liste abhaken. Was ist eigentlich so schlimm daran? Warum gibt es diese Klischees?

Im vorigen Artikel fragte ich mich: Wie langsam ist slow travel eigentlich? Ich dachte an Durchschnittsreisegeschwindigkeiten und was wohl ein normales Reisetempo sei? Wenn es sowas überhaupt gibt.

Gibt es außer dem Reisetempo noch weitere Dinge, die den slow travel ausmachen. Oder eben nicht? Anhand von Kriterien kein slow traveller zu sein, heißt nicht, sich auf Reisen weniger zu entspannen. Weniger Abenteuer zu erleben. Weniger Einheimische kennen zu lernen. Weniger local food zu essen. Weniger vom Land mitzunehmen. Weniger zu sich selbst zu finden.

Schauen wir uns diesen Kriterienkatalog mal an.

 

WAS MACHT EIN SLOW TRAVELLER NICHT?

LISTEN

Ein Slow Traveller entzieht sich Listen. Einen Plan über das To Do oder To See gibt es meist nicht. Ein Slow Traveller läuft los, verirrt sich und freut sich. Das mache ich auch, aber mit meinem Erlebniskatalog im Kopf. Ich bin mir unsicher, ob der Entdeckerdrang die Abwesenheit von Reiseplänen bewirkt oder ob die Genetik doch keine Rolle spielt.

Mit einem Plan dennoch flexibel auf Veränderungen zu reagieren und auf welche drei Punkte es mir auf Reisen am meisten ankommt, berichte ich im Teil 3 des slow travel.

 

REISEFÜHRER

Ein Slow Traveller meidet Reiseführer. Die Devise sagt: Off the beaten track – außerhalb der Touristenpfade. Bloß nicht markierte Städtetouren des Reiseführers ablaufen. Die Reise soll individuell sein. Sie soll dorthin führen, wo noch nie jemand zuvor gewesen ist. Ins Unbekannte. Ins Abenteuer.

Beim slow travel wollen sich die Reisenden selbst entdecken. Ist klar. Das will ich ja auch.

Aber ein Blick in den Lonely Planet hat mich bisher immer bereichert. Ich würde mich im Nachhinein ärgern, etwas nicht gesehen oder getan zu haben. Ein Reiseführer muss dich nicht führen. Du kannst immer noch selbst entscheiden. Mit Liste. Oder ohne Liste.

 

PAUSCHALREISE

Ein Slow Traveller bucht keine Pauschalreise. Ich habe das auch gemacht. Damals, als ich einen Partner hatte, gutes Geld verdiente und 30 Tage Urlaub im Jahr bekam. Ich habe tagelang in einer luxuriösen Hotelanlage verbracht, am Strand gechillt und die Vorzüge des All-Ins in vollen Zügen genossen. Die Hotelanlage verließ ich nur für eine zuvor gebuchte organisierte Tour. Nach einer Woche ging es wieder zurück ins Büro.

Ziel dieses Urlaubs war es, nichts zu tun. Es war nicht das Ziel, Land und Leute kennen zu lernen. Das ist der Unterschied zum slow travel. Also war ich fast travel unterwegs? Trotz der Pauschalreise kann ich mich daran erinnern, immer besonnen und erholt aus dem Urlaub gekehrt zu sein. Ob fast travel oder slow travel, die Palmen, das Meer und der Strand taten mir gut.

Pauschalreise

Pauschalreise Buffet

Das tun sie heute noch. Mein Lebens- und Reisestil hat sich aber verändert. Ich reise ohne Partner. Ich gebe Geld bedachter aus. Meine Ansprüche an eine Unterkunft sind gefallen. Und ich möchte im Moment nicht mehr sesshaft werden. Heute würde ich keinen Pauschalurlaub mehr buchen.

Heute steht mir mehr Zeit, aber weniger Geld zur Verfügung. Folglich verbringe ich länger an einem Ort. Folglich sauge ich ihn auch in ganzer Fülle auf. Ich organisiere meine Touren selbst. Das nenne ich dann eine Individualreise, eine Soloreise und ein Backpacking-Erlebnis. Ob es slow travel ist? Hm! Vermutlich.

Damals hätte ich meinen Urlaub nicht mehrere Wochen am Stück ausdehnen können. Slow Travel ist wegen dem Zeitfenster nicht für jeden realisierbar. Bereits im vorigen Artikel über slow travel Teil 1 ging ich auf das schwarz-weiß-Denken ein. Es gibt auch einen Mittelweg. Eine individuelle Reise. Zwischen durchorganisiertem Pauschalangebot und der Go-with-the-flow-Desorientierung. Ein Mittelweg, der trotzdem eine gesunde Portion Spontaneität und Freiheit in der Entscheidung offen lässt.

 

UMWELTUNBEWUSSTES REISEN

Ein Slow Traveller umgeht das umweltunbewusste Reisen. Ressourcenschonendes Reisen ist vordergründig. Nachhaltig reisen. Dem fast travel Reisestil wird angehängt, häufig, aber dafür kürzer zu reisen. Das wirkt sich auf die Umwelt aus. Ich finde, wir machen uns generell zu wenige Gedanken, wie viel Kohlenstoffdioxid ich auf der Flugstrecke wirklich verpulvere. Mich eingeschlossen.

Und ja, ich nutze mein Smartphone auch auf Reisen. Mehrmals täglich. Ob dieses Denken und Handeln eher zum fast travel gehört, ist ebenso eine klischeehafte Unterstellung.

 

UMGEBUNG NUR DURCH DIE KAMERA WAHRNEHMEN

Ein Slow Traveller sieht die Umgebung nicht nur durch die Kameralinse. Ich mache sie auch, die Selfies und viele Fotos von verschiedenen Perspektiven. Was ich schon lange meide, sind Bilder von mir vor einer Sehenswürdigkeit. Das „Hier bin ich gewesen“ muss ich nicht bebildern. Das habe ich im Kopf. Aber ja, Fotos von Touri-Attraktionen gehören dazu. So fast-travel-like!

Sehenswertes fotografieren

Ein Slow Traveller lebt ohne persönlich herbeigeführter Hetzte. Im slow travel Reisestil wird sich nicht übersapnnt. Weil man eigentlich nichts sehen und erleben MUSS. Entschleunigung ist die krönende Betitelung. Der Hetze entgegen steuern. Nicht nur auf Reisen, sondern auch im Alltag. Generell streben wir nach Mehr. Wann haben wir genug? Genug von einem Ort gesehen, um weiterziehen zu können? Genug am Buffet gegessen, um bereit für die heimische Küche zu sein? Und: Wann haben wir genug gearbeitet, um für das Alter vorgesorgt zu haben?

Manche dieser Punkte habe ich bejaht. Andere verneint. Oft reise ich wohl unbeschwert und umsichtig. Aber es gibt auch Trips, bei denen es zügiger, gröber und organisierter zugeht.

 

FAST TRAVEL MACHT SINN BEI:

  • Stop-over: in Dubai, Hong Kong oder Singapur; ob drei Stunden oder einen Tag – hier muss es schnell gehen
  • Städtetrips: an einer drei- oder viertägigen Städtetour hat eine go-with-the-flow-Einstellung nichts zu suchen; mit planlosem Umherirren ohne Reiseführer verschwendet man wertvolle Zeit
  • Wochenendausflüge: auch der Wochenend-Trip ist meist ein fast travel trip, der schon mal in Eile enden kann oder zusätzliche Energie zwischen den arbeitsreichen Wochen liefern kann
  • Bei speziellen Erlebnissen: Hier steht ein Erlebnis im Vordergrund. Man bereist den Ort für das Erlebnis. Und dann kommt der Haken dran. Beispiele sind Marathonläufe im Ausland, Jungesellenenabschiede, Sprachreisen oder Genussreisen.

Sich Gedanken zum eigenen Reisestil zu machen, ist gut. Gedanken zum eigenen Lebensstil sind besser. Viel zu oft machen wir uns nämlich Stress im alltäglichen Leben. Ebenso wie ich das Umfeld auf Reisen aufsaugen sollte, sollte ich meine gewohnte Umgebung bewusster wahrnehmen. Verfolgen, was gut tun. Verändern, was nicht gut tut. Vielleicht regelmäßig für die kleinen oder große Abenteuer sorgen? Einen Schritt aus der Komfortzone gehen. Einfach komfortzonenlos – oder comfortzoneless – leben.

Cocktail auf Reisen

Und jetzt? Schnapp dir einen Reisekatalog. Mach dir Gedanken über deinen Reisestil. Bestell dir noch einen Cocktail, falls du in der Strandbar döst. Abonniere meinen feed, falls du gerade auf Sigh-Seeing-Tour bist und keine Zeit hast, alles durchzulesen.

Und an alle anderen: Bitte einen Kommentar hinterlassen und auf meinem Artikel Wie langsam ist slow travel? -Teil 1 und Wie planlos ist slow travel – Teil 3 weiterlesen.

 

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4 Kommentare

  1. Es ist wie so oft ein Spektrum, also Grauschattierungen statt schwarz und weiß. Wie Du sagst, manchmal macht Fast Travel einfach Sinn, manchmal macht eine Mischung Sinn.

    Ich bezeichne mich gerne als Slow Traveller, aber für Singapur letzte Woche hatte ich eine Liste, weil ich dort nicht so zeitreich bin wie im günstigen Malaysia und weil wir uns mit Freunden getroffen haben.

    Selbst in Malaysia nehme ich den Reiseführer zur Hand, aber eigtl. erst wenn ich schon ein paar Tage an einem Ort war, um zu sehen, was ich nicht selbst gefunden habe.

    • Hi Flo,
      schön, dass du als slow traveller auch einen Trip hattest, bei dem es etwas mehr Richtung fast travel ging.
      In einem Fischerdörfchen kann man sich eher mal treiben lassen und einfach drauf los laufen. Aber in Großstädten wie Singapur habe ich dann doch lieber auch einen Plan. Gerade wenn die Zeit knapp ist, zählt jeder Weg den man desorientiert doppelt läuft.
      Viele Grüße,
      Stefanie

  2. Auch mit einer Liste im Kopf, kann ich mich verirren. Wichtig ist doch nur, ob mich der Irrweg stresst (weil ich ja noch A und B und C erleben muss) oder ich es hinnehme. Meine Liste anpassen kann. Ein Ziel ist nur ein Ziel, wenn man es in Teilziele zerlegen kann.

    Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich nehme mir sehr viel mit. Finde es spannend, dass du direkt drei Artikel daraus gemacht hast.

    Da ich aus diesem Teil am meisten mitgenommen habe, kommentiere ich hier 😉

    Gerade bei Städtereisen sehe ich das ein wenig anders. Ich finde, man sollte sich X-Stunden gönnen. Einfach nur zum Eintauchen. Der Rest darf strukturiert sein. Aber es ist doch schade, wenn man an tollen Gebäuden vorbei läuft, weil man ja DAS Gebäude besuchen möchte!

    • Hallo Daniel,
      auch wenn meine Anwort spät kommt – danke, dass du deine Gedanken hier teilst. Freut mich, dass du dich so gut durch den Artikel gelesen hast.
      Momentan bin ich etwas müde von Städtetrips, denn irgendwo ähneln sich doch viele – vom Aufbau und den Sights her, sodass ich mir – wie du schreibst – x Stunden nehme um einfach nur zu beobachten oder rumzuhängen und dafür „auslasse“, was nicht speziell diese Stadt ausmacht. Botanischen Gärten oder Rathäuser müssen nicht unbedingt mehr auf der Liste stehen.
      Viele Grüße und gutes Reisen,
      Stefanie

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