Wie Reisen verändert – ein Rückblick

Wie Reisen verändert – ein Rückblick

Nicht nur das Reisen verändert uns. Jeglicher Austritt aus unserer Komfortzone bringt uns dazu, alte Gewohnheiten abzulegen und sie durch neue zu ersetzen. Wir machen neue Erfahrungen. Wir treffen inspirierende Charaktere.

Wir nehmen die Welt mit anderen Augen wahr.

Reisen ist kein Heilmittel. Wohl kaum verändern wir uns plötzlich durch das Reisen in einen viel offeneren, nachhaltigeren und toleranteren Menschen. Wir verändern uns nicht immer positiv. Unser gewohntes Umfeld wird das am ehesten bemerken.

Ich erlaube mir in diesem Artikel zurückzublicken. Was mache ich heute anders als damals? Damals, vor meinem Ausstieg. Im Herbst 2014 kündigte ich Arbeit, Wohnung und Komfortzone.

Heute und hier kann ich sagen, dass ich mich richtig entschieden habe. Das, was ich im Moment lebe, tut mir sehr gut. Zurzeit lebe und arbeite ich für ein Jahr in Manhattan. Mit Miet- und Arbeitsvertrag fühlt es sich wie ein bischen endgültig an. Es wird der längste Aufenthalt an einem Ort seit meines Ausstiegs.

Backpacking, wie ich es zuvor betrieben habe, ist momentan leider nicht möglich. Dennoch kreisen meine Gedanken oft um die unbeschwerte Zeit des Umherziehens in fremden Ländern, wo kein Tag dem anderen glich und jeder Tag voller Überraschung steckte.

In Gedanken an diese Zeit und wie sie mich verändert hat und immer noch verändert, schreibe ich diesen Artikel. Nicht durchweg positiv aber im insgesamt rosig und aufheiternd.

 

MENSCHEN FERNAB KÖNNEN MIR ÄHNLICHER SEIN

Immerzu wird man im Ausland Deutschen vorgestellt in der Annahme, dass man doch mit Landsleuten am besten klar kommt. Ich stimme zu. Es gibt keine Sprachbarrieren und man kann ungehemmt in eine Konversation einsteigen.

Aber hier kommt die Veränderung durch das Reisen ins Spiel. Ich bin unvoreingenommen und offen, mit Menschen aus fremden Kulturen zu sprechen.

Ich treffe Menschen, die in ihrer Erziehung, in ihren Werten und ihrer Religion unterschiedlicher zum Deutschen nicht sein könnten. Und ich finde einen sehr guten Draht zu ihnen.

Letzte Woche traf ich auf eine Südkoreanerin im Bus nach Boston. Wir verbrachten ein paar schöne Tage gemeinsam. Wir quatschten über unterschiedliche Reisestile, das amerikanische Wahlverfahren, vergangene Beziehungen, koreanische Schriftzeichen und deutsche Biersorten. Am Ende verband uns die Einstellung zum Leben. Wir haben beide erkannt, dass wir reisen müssen. Haus, Heirat und Hof können warten. Ohne ewig erklären zu müssen, warum man single ist, einen gut bezahlten Job aufgegeben hat und einen einst strukturierten „Wo-sehe-ich-mich-in-fünf-Jahren-Plan“ nun glücklich und voller Zuversicht über Bord geworfen hat. Die gesellschaftlichen Erwartungen an eine jungen Frau in unseren Heimatländern sind unterschiedlich. Uns verbindet die Motivation, es anders zu machen. Sie inspirierte mich. Und ich inspirierte sie. Ich teilte mit ihr, was meine französische Kollegin nicht von mir weiß. Obwohl west-europäisch, fehlt der Draht.

Koreanische Schriftzeichen

 

ICH VERGLEICHE MEHR

Die Bananen schmecken in Amerika nicht so süß, wie in Australien. Und die Müllverschwendung in New York treibt es wohl an die Spitze von allem, was ich je gesehen habe. Für den Preis eines Pad Thai am Union Square hätte ich in Bangkok zehn doppelte Portionen bekommen. Ein kurzzeitig unterbrochenes Wlan in Manhattan ist kein schlechtes Wlan. Ein schlechtes Wlan gibt es in Tasmanien, auf Kho Lipe und Gili Air.

Das sind Gegenstücke auf einer unterschiedlichen Skala. Ich sollte nicht vergleichen, aber ich kann es nicht abstellen. Es geschieht automatisch. Und damit nerve ich wohl manchmal meine Umgebung.

Ich vergleiche Buchten, Wanderwege und Städte miteinander. Manchmal verwirre ich mich dann selbst, weil hinter dem Hafengelände nicht der Strand kommt, den ich erwartet hatte. Oder ich sehe jemanden auf der Straße, der mir bekannt vorkommt. Das aber unmöglich sein kann, weil ich doch ganz woanders bin als meine Gedanken.

 

ES SIND DIE KLEINEN DINGE IM LEBEN

Ich kann mich an einem frischen Mange-Shake erfreuen. Oder an Thailändern, die auf der Straße sitzend den ganzen Vormittag Schach spielen. Ich freue mich, wenn ich ein Lächeln bekomme. Ich freue mich, wenn ich trotz Sprachbarrieren kommunizieren kann. Ich freue mich, wenn mein kleines Trinkgeld Wunder beim Gegenüber bewirkt. Ich freue mich über eine nette Auskunft.

Es sind die kleinen Dinge im Leben.

Dass man besonders auf die kleinen nicht monetären Dinge nun Wert legt, hat auch Jessica durch das Reisen erfahren. Auf ihrem Blog Yummy Travel reflektiert sie, wie sie das Reisen verändert hat. Sie pointiert, dass das Reisen an sich ein großer Reichtum ist. Eine Tatsache, die wir oft vergessen.

 

ICH BIN LEICHT ZU FASZINIEREN

Die Wellen rauschen und ich vergesse alle Sorgen. Ähnlich ist es auf den Straßen Manhattans. Nach vier Monaten bin ich immer noch fasziniert, wenn mich die Rolltreppe ans Tageslicht befördert.

Ich bin leicht zu faszinieren

 

ICH WERDE EMOTIONALER

Blinde, die in Manhattan’s Rush Hour die Straße überqueren müssen. Obdachlose, die in den Wagons der Subway nach einem Quarter betteln. Ich nehme mir das zu Herzen. Wahrscheinlich mehr als zuvor.

Straßenmusiker, die größtenteils ignoriert werden. Sie geben sich doch solche Mühe.

Strände, die zugemüllt werden und schöne Reiseorte, die unter dem unachtsamen Massentourismus leiden.

Thailänder, die Tonnen Baumaterial auf dem Motorbike transportieren. Da werde ich emotional.

Thailänder transportiert Bauschutt

 

SPUREN VON ABENTEUER

Neulich sah ich eine Familie im Bus dessen Frau dreckige Sandalen anhatte, als hätte sie im Schlamm gebadet. Früher hätte ich mir gedacht, dass sie doch so nicht in den Bus einsteigen kann. Heute weiß ich, dass das Spuren von Abenteuer sind. Sie hatte sicher eine gute Zeit mit ihrem Kind am Strand erlebt.

Nicht in allen getunten Autos, aus denen laute Musik tönt, sitzt ein Poser. Da genießt gerade jemand sein Leben in vollen Zügen. Beats machen glücklich.

Die Frau im Pyjama ist mit Sicherheit eine die Woche über gestresste, hart arbeitende und schick gekleidete Lady, die beschlossen hat, diesen Samstag das Bett nicht zu verlassen aber dann feststellte, dass das Schokoeis alle war und sie nochmal raus musste.

 

ICH MACHE MEHR OUTDOOR

Generell zieht es mich viel öfter raus. Auch wenn die Luft nicht immer frisch, die Natur grün oder das Wetter warm ist. Dinge, die ich sonst an Tisch und Stuhl erledigt hätte, funktionieren genauso gut auf jeder Parkbank. Es gibt so viele Felsen, Baumstämme, Schaukeln und Treppenstufen auf denen man wunderbar lümmeln, lehnen, schlafen oder sich ausstrecken kann.

Ich bin kein Mensch aus der Steinzeit geworden bin, aber ich habe definitiv eine Affinität zu Plätzen entwickelt, die außerhalb meines gewohnten Aufenthaltsradius liegen.

Ich mache viel mehr outdoor

Ich mache mehr outdoor

 

ICH MÖCHTE IN KEINEN EXQUISITEN RESTAURANTS ESSEN

Wenn es das Wetter zulässt, möchte ich draußen essen. Ich möchte besonders in den USA und Australien nicht in ein nobles Restaurant. Ich möchte mir ein paar Sachen im Supermarkt kaufen und im Freien picknicken. Ich möchte irgendwo meine Sachen ausbreiten. Am Hafen. Im Park. Auf einem Felsvorsprung. Ich möchte mit meinem Taschenmesser den Apfel entkernen. Ich möchte nicht hetzen.

Picknick im Freien

 

ICH MÖCHTE KEINE TICKETS KAUFEN

Ich plane ein Wochenende in Boston und meine Kollegen empfehlen mir freundlicherweise ein paar Orte. Ich solle unbedingt in dem mexikanischen Restaurant essen, Meeresfrüchte probieren und in das Aquarium gehen. Das sei eines der größten – wovon spielt ja keine Rolle. Eine Checkliste, die meinen Besuch in Boston wohl kaum einzigartig macht. Ich fragte nur scherzhaft, ob ich die Meeresfrüchte eher vor dem Aquariumsbesuch oder danach essen sollte.

Wir nehmen zu oft an, dass Qualität teu(r)er sein muss. Hop on – Hop off Busse bezahlen wir teuer um sicher zu gehen, nichts in der Stadtrundfahrten auszulassen. Vielleicht denken wir manchmal gar nicht naheliegend an eine Tageskarte mit dem öffentlichen Bus, einen Fußmarsch mit “free tours by foot“ oder an eine Fahrradtour in Eigenorganisation.

 Nichts wofür man Tickets kaufen muss

Reisen verändert

 

ICH TU ÖFTERS NICHTS

Nichtstun scheint das einfachste auf der Welt zu sein. Dennoch tun wir uns so schwer. Schnell entwickeln wir ein schlechtes Gewissen, die Zeit doch sinnvoll zu nutzen. Moment! Sinnvoll?

Das Reisen lädt immerzu zu Phasen des Nichtstuns ein. Lange Zugfahrten. Zeit im Flieger und an Flughäfen. Outback in Down-Under ohne Empfang und Ablenkung. Warten an Busbahnhöfen, an denen man aus Langeweile die tollsten Selfies schießt, über die man sich später krank lacht.

Das ist wertvolle Zeit, um aufmerksam die Umgebung wahrzunehmen. Um zu beobachten. Um zu denken.

Auch freiwillig nehme ich mir oft die Zeit, im Park zu sitzen. Vielleicht schlafe ich dort ein. Vielleicht starre ich einfach nur die Natur an.

Nichtstun hat einen hohen Stellenwert bekommen. Weil ich schätze, was es mir bringt. Klare Gedanken, kreative Ideen, ablenkungsfreie Wahrnehmung meines Umfeldes und einen Ausgleich zu den Informationen, die täglich auf uns einwirken.

Ich tu öfters nichts

 

ICH SHOPPE ANDERS

In bisher vier Monaten in New York City war ich kein einziges Mal nach Klamotten shoppen. Und ich vermisse es nicht.

Ich schaffe es, völlig emotionsneutral die 5th Avenue an Tiffany’s und Victoria‘s Secret vorbeizulaufen. Vor fünf Jahren wäre das definitiv nicht Ich gewesen.

Zwei Paar meiner Schuhe haben ein paar kleine Risse. Ja. Ich freue mich jetzt schon, diese ersatzlos zu entsorgen, bevor ich wieder nach Deutschland fliege.

Ein Gefühl der Befreiung.

Klamotten berühren mich nicht mehr. Im Gegensatz dazu freue ich mich über einen neuen Kaffee-to-go-Becher, aus dem kein Tropfen läuft. Optimal für unterwegs. Oder ich freue mich über meine neue Picknickdecke. Für unterwegs. Oder ein längst überfälliges aufblasbares Kissen für Busfahrten. Für unterwegs eben.

 

ICH HABE MEINE BACKPACKER-FRISUR GEFUNDEN

Wenn sich früher meine Frisur in 14 Tagen nie wiederholte, binde ich beim Reisen meine Haare zu einem Zwiebelzopf zusammen. Tagein. Tagaus.

Es fällt nicht auf, wenn die Haare nicht mehr ganz so frisch schimmern. Keine Strähne hängt mir ins Gesicht oder bleibt am Rucksack hängen. Perfekt zum Schwimmen „ohne Haare“ oder zum Nickerchen im Bus. Etliche Stunden Schlaf und Rumwälzen auf der Wiese ist mit einem Zwiebelzopf überhaupt kein Problem.

Backpacher Frisur

 

MEINE ERWARTUNGEN AN EINEN STRAND SIND ENORM

Leider differenziert das Wort „Strand“ nicht zwischen Gut und Böse. Wenn man das Paradies gesehen hat, sind manche Strände eine Enttäuschung.

Letztens reiste ich 1,5h mit dem Zug außerhalb Manhattans, weil ich den Strand vermisste. Über satte $15 Eintritt zu einem überfüllten Sandstreifen ärgere ich mich heute noch. Mit dem Geld könnte ich in Indonesien einen Bungalow am Strand mit Meerblick für eine Nacht anmieten, in dem mich die Wellen in den Schlaf reiten.

Und ich vergleiche schon wieder, wo ich nicht vergleichen sollte.

Meine Erwartungen an einen Strand sind enorm

 

ICH VEREINFACHE MEIN LEBEN

Mein Artikel Mehr von dem tun, was uns glücklich macht zielt darauf ab, das Leben zu vereinfachen.

Als ich meine Komfortzone verließ, merkte ich, wie sich meine Prioritäten verschieben. Aus der Ferne betrachtet werden manche Dinge unwichtig. Mit dem Abstand zum gewohnten Umfeld mache ich mir gleichzeitig Gedanken, was mir wirklich wichtig ist.

Ich muss mittags nicht warm essen und abends schon gar nicht. Eingeengt in der Subway, sodass ich nicht einmal meine Arme anwinkeln kann. Alles vergeht. Kein Grund zum Aufregen. Ich habe gelernt, manche Dinge einfach hinzunehmen.

Zu viele Gedanken um Kleinigkeiten erschweren das Leben. Lies dir auch meine 9 Tipps für ein minimalistisches Leben durch.

6 Kommentare

  1. Nun hat es mich doch tatsächlich von deinem „Rückblick Reisen Roundup“ hierher verschlagen und ich bin hängen geblieben…
    Nachdenkliche, wahre und gute Worte hast du gewählt, manche auch lustig, traurig oder inspirierend.
    Und was die Fotos betrifft – also da hab ich Appetit bekommen, würde mich jetzt am liebsten zu dir an diesen Picknicktisch setzen, lecker! 😉

    • Hi Klaus,
      oh, ich liebe Picknicken – was vielleicht auch daran liegt, dass ich keine Heldin im Kochen bin und lieber alles auf dem Tisch, auf der Decke oder im Kofferraum ausbreite und mir dann zusammenbelegen kann. Und meistens gibt es immer etwas zu schauen und zu beobachten. Picknicken ist definitiv etwas, was ich erst durch das Unterwegssein lieben gelernt habe.
      Danke für deine netten Worte und viele Grüße,
      Stefanie

  2. Hallo Stefanie, guter Text! Das Nichtstun und mentale Flanieren auf Reisen wird tatsächlich viel zu wenig geschätzt! Und interessant, deine Beobachtungen. Konsum hat keine Wertigkeit an sich und ist kein Hobby, muss man sich immer wieder selbst sagen, und den anderen auch!

  3. Was für ein toller Artikel! Du hast einen wunderschönen Schreibstil!
    Ich habe mich in vielen Dingen wieder gefunden – unzufrieden an dem überfüllten Strand … im deutschen Einkaufscenter sehnsüchtig an die breiten Gänge in den USA denkend … mit Haarknoten auf dem Kopf wandern, faulenzen und im Urlaub kochen … Schubladendenken loswerden und weniger angstdenkend auf die Menschen zugehen.

    • Liebe Imke,
      danke für deine netten Worte.
      Es ist interessant, dass du dich in vielen Sachen wiederfinden kannst. Ich finde es unheimlich spannend, wie sich Menschen verändern können, wenn man sie aus dem Hamsterrad nimmt – natürlich muss das freiwillig passieren.

      Liebe Grüße,
      Stefanie

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