Was bedeutet es, mutig zu sein?

Was bedeutet es, mutig zu sein?

Als ich meine Zelte in Deutschland abgebrochen habe, um den Globus zu bereisen, hörte ich von vielen Seiten, wie mutig es doch sei, das sichere Leben in Deutschland für das Ungewisse aufzugeben.

Vielleicht meinten manche mit „mutig“ auch leichtsinnig oder unbedacht oder zu abenteuerlustig?

Unterwegs höre ich oft wie mutig ich sei, wenn ich mich allein in kargen Gegenden herumtreibe. Allein als Frau ein Wohnmobil auszuleihen oder nachts die New Yorker Subway zu fahren – gehört wirklich Mut dazu?

Kürzlich machte ich einen Roadtrip durch Utah’s Nationalparks. In den engen Spalten des Antelope Canyon traf ich einen Schweizer. Er tourt drei Wochen in einem Wohnwagen durch den Westen der USA mit seinen zwei Kindern. Der Kleine Fünf, die Große Sieben. Wir kamen ins Gespräch und erzählten von unseren Reiserouten, bis er feststellte: „Du bist aber nicht allein unterwegs? Wie mutig von dir!“ Ich schaute ihn an, schaute auf seine Kinder und meinte „Nein, du bist mutig!“

Und seit dieser Begegnung denke ich darüber nach, was Mut eigentlich bedeutet? Woher kommt es, ob wir jemanden als mutig bezeichnen?

Für welche Entscheidungen oder Aktionen braucht man Mut? Offenbar hat jeder eine andere Skala.

 

MUT BEDEUTET FÜR JEDEN ETWAS ANDERES

Alles, was über das individuell bezeichnete normale Maß hinausgeht, kann als Mut zusammengefasst werden. Sei  es gefährlicher, länger, endgültiger oder schier krasser als der Durchschnitt.

Mutig ist etwas, was man sich selbst nicht sofort wagen würde.

Bezeichnet man jemanden als mutig, zeigt man Respekt. Man schaut auf die Person auf.

Wer mutig in einer bestimmten Sache ist, ist unheimlich neugierig, furchtlos, vielleicht auch etwas irre, aber zumindest willensstark und zuversichtlich.

 

MUTIG SEIN HEIßT, SICH ETWAS ZU TRAUEN

Zu trauen heißt, sich selbst etwas zuzutrauen und auf sich selbst zu vertrauen.

Zurück zu meinem Gespräch mit dem Schweizer. Ich bin zwei Wochen mit dem Auto alleine auf wenig befahrenen Straßen und Wanderwegen umhergestreift, weil ich äußert nah die Natur entdecken wollte. In meinen Fähigkeiten, der Vorbereitung und der Reiseroute vertraute ich mir. Das gab mir Sicherheit. Es ist aber keine Sicherheit dafür, dass alles glatt läuft. Es ist Vertrauen!

Die Kunst, mit ungeplanten Vorfällen umzugehen, würde ich als Kreativität bezeichnen.

In Australien sprach ich mit zwei Männern, die von Melbourne über die Bass Strait nach Tasmanien gekajakt sind. Das ist eine Strecke von mehr als 300km. Gecampt habe sie auf keinen steinigen Inseln zwischendurch. Dieses Vorhaben ordne ich irgendwo zwischen mutig und waghalsig ein. Ja fast schon riskant. Die beiden hatten allerdings Erfahrung, das Wissen und Trackinggeräte dabei. Für sie war es eine Herausforderung. Sie haben es gewagt und sich selbst Mut bewiesen.

Ähnlich mit einem 50- bis 60-jährigen Motorradfahrer. Auch für einen erfahrenen Fahrer und starken Mann finde ich es mutig, dieses Transportmittel für eine Durchquerung des dünn besiedelten Kanadas zu wählen. Bei ihm überwiegte die Abenteuerlust das Risiko zu scheitern.

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MUTIG SEIN HEIßT, ANGST ZU ÜBERWINDEN

Höhenangst besiegen, Insekten schlucken oder Wildwasserrafting fahren.

Ängste können verschieden sein. Und jeder, der seine Angst kennt und sich ihr stellt, beweist Mut.

Was für den einen Überwindungskraft bedeutet, ist für den anderen gar kein Gedanke wert.

 

MUTIG SEIN HEIßT, ZU RISKIEREN, DASS MAN SCHEITERT

Das ist eine Kopfsache.

Wer mutig ist, geht ein gewisses Risiko ein. Das Ergebnis ist nicht vollständig greifbar und schwer zu überblicken.

Mutig sein heißt, in Kauf zu nehmen, dass man es nicht schafft, dass etwas schief geht oder man verletzt wird.

Personen, die aufgrund Spontaneität, fehlender Recherche oder ungenauer Abwägung Entscheidungen fällen, bezeichnen wir als leichtsinnig, übermütig oder verrückt.

Kennt man die Konsequenzen seiner Entscheidung und ist man sich bewusst, mit ihnen zu leben, so beweist man Mut. Dieser Schritt, etwas zu verändern, geht mit starkem Ehrgeiz, Motivation und Willenskraft einher.

Mutig ist, etwas zu tun, von dem alle sagen, dass es nicht klappt.

 

MUTIG SEIN HEIßT, FORTSCHRITTE ZU MACHEN

Wer riskiert zu scheitern, will eines: Träume verwirklichen.

Mutig ist, sich einer Herausforderung zu stellen und an die Chance zu glauben, dass es besser werden kann als es gegenwärtig ist. Ich denke da an Jobkündigung, Trennung oder Umzug.

Mutig sein heißt, Neues zu wagen.

Mutig sein heißt, mit Optimismus eine Veränderung einzuschlagen.

Nicht mutig zu sein oder sein zu müssen gibt einem das Gefühl, auf der sicheren Seite zu sein. Dazu erinnere ich mich an einen Spruch:

„Der sicherste Ort für ein Schiff ist der Hafen. Doch dafür sind Schiffe nicht gemacht.“ William G.T. Shedd

 

MUTIG SEIN HEIßT, ENDGÜLTIGE ENTSCHEIDUNGEN ZU FÄLLEN

Eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen oder einen Kredit aufzunehmen, finde ich mutig. Sehr mutig.

Ein Land, einen Ort und ein Grundstück zu wählen, auf dem ich alt werden will, finde ich persönlich schwer. Vielleicht gefällt mir ein anderes Haus oder ein anderes Land besser, nachdem mein Haus gebaut ist? Eine so endgültige Entscheidung zu fällen, bedarf meiner Ansicht nach viel Mut. Weil es Endgültig ist. Für andere ist das eine finanziell durchgeplante Sache. Die Konsequenzen sind transparent und der Traum von einem Eigenheim ist groß.

 

MUTIG SEIN HEIßT, NEUGIERIG ZU SEIN

Eine aktuelle Situation nicht als gegeben hinzunehmen, sondern nach Optimierung zu streben heißt Neugierde. Neugierige Menschen denken in Chancen und hinterfragen das Gegenwärtige.

Wer besonders neugierig ist, ist mutig, denn häufig begibt man sich ins Ungewisse. Es ist schwer einschätzbar, wie sich eine Entscheidung auswirkt.

Neulich schrieb ich darüber, ob es ein Entdecker-Gen gibt. Merkmale von Personen, die das sogenannte Reise-Gen besitzen, sind: Entdeckerfreude, Neugierde auf Neues und … Mut.

Wer einen mutigen Schritt geht, der nimmt in Kauf, enttäuscht zu werden oder zu scheitern. Für die meisten Mutigen überwiegt die Lust auf Neues und die Freude auf Veränderung.

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MUTIG SEIN HEIßT, KREATIV ZU SEIN

Mutig sein heißt, die Konsequenzen zu kennen. Es heißt, sich den Risiken des Vorhabens bewusst zu sein.

Es gibt immer Dinge, die wir nicht hervor sagen können, weil wir keinen Einfluss darauf haben. Aber mit Kreativität und Optimismus können wir versuchen, die Perspektive zu wechseln und aus schlechten Ergebnissen das Bester herauszuholen.

Vielleicht können wir aus der Situation eine Chance entdecken?

 

MUTIG SEIN HEIßT, ALLEINE STARK ZU SEIN

Eigenständig eine Entscheidung zu fällen und eigenverantwortlich hinter ihr zu stehen, bedarf Mut. Aus der Masse herauszustechen, eine Meinung zu äußern, Nein zu sagen, zu kündigen und sich von anderen Lasten zu befreien setzt Stärke voraus.

Alleine stark zu sein – damit meine ich alleine als Person, alleine als Paar oder alleine als Familie. Entgegen dem Strom zu schwimmen und auf sich und das Vorhaben zu vertrauen.

Sich selbst zu vertrauen. Selbstvertrauen geht mit einer sehr gute Selbstkenntnis einher sowie Ehrgeiz und Sicherheit.

Oder wie der große Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, sagte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

 

Ob wir jemanden als mutig bezeichnen, hängt von persönlichen Erfahrungen und eigenen Einstellungen ab.

Was heißt Mut für dich?

Wann hast du im Leben oder auf Reisen Mut bewiesen? Oder hast du Freunde, die etwas übermütig sind? Wer hat deines Erachtens her Mut in einer Situation bewiesen?

12 Kommentare

  1. Ein wundervoller Beitrag Stefanie!
    Ich wurde auch schon öfters als mutig, abenteuerlustig und manchmal irrsining genannt. Weiss nicht, ob ich es wirklich bin. Gestern habe ich den Film „Lost In Translation“ geschaut. Da sagt das Mädel sinngemäss zum Typ „Du bist aber gross!“, worauf er ihr antwortet „Wer sagt, dass du nicht klein bist?“
    Damit möchte ich sagen, dass alles im Auge des Betrachters liegt. Für mich ist all das Reisen und die kleinen Adrenalinkicks das wahre Leben und nicht wirklich Mut, für andere schon.
    Klar ist eine Familie gründen Mut, jedoch kann es auch ein Aufgeben der eigenen Träume und Eingliedern in die Gesellschaftsnormen sein.
    Muss jeder für sich wissen… Mut ist Angst zu haben und es trotz dem tun.
    Liebe Grüsse, Igor

    • Hi Igor,
      danke, dass du hier deine Gedanken teilst.
      Dein Beispiel aus dem Film zeigt ganz gut die subjektive Einschätzung, ob wie jemanden als groß, klein oder eben mutig bezeichnen. Jeder hat seine eigene Definition, ausgehend von Erfahrungen, dem eigenen Lebensstil und der persönlichen Einstellung.

      Einen schönen Gruß,
      Stefanie

  2. Liebe Stefanie,
    Das ist ein toller Artikel. Ich werde oft als mutig bezeichnet, weil ich gerne Abenteuer mag: Rafting, Klettern, Canyoning oder auch Ziplining. Ich selbst finde es sehr mutig und bewundernswert, wenn jemand sein Leben radikal ändert und eine eher ungewisse Zukunft vor sich hat. Bei solch großen Veränderungen bin ich eher vom Typ Schisser und habe immer mal wieder große Selbstzweifel.
    LG Annika

    • Liebe Annika,
      du liebst Action, was?
      Es fällt genau in meine Beschreibung, dass du andere Aktivitäten oder Entscheidungen als mutig bezeichnest, die du dir selbst nicht so einfach zutraust. Andere schauen wiederum auf dich auf und fragen sich vielleicht bei deinen Aktionen ob du des Lebens müde bist?
      Danke , dass du deine Erfahrungen hier teilst. Ganz interessant zu hören.

      Ich wünsch dir noch viele kleine Abenteuer und sende schöne Grüße,
      Stefanie

  3. Liebe Stefanie,
    vielen Dank für diesen tollen Beitrag!
    Ich habe schon oft ganz ähnliche Situationen erlebt und werde oft darauf angesprochen, wie unfassbar mutig ich doch bin. Dabei habe ich das selbst nie so wahrgenommen und hätte niemals von mir behauptet mutig zu sein.
    Mut ist für mich immer eine Frage der Sichtweise. Manchmal erfordern selbst die einfachsten und kleinsten Dinge auf dieser Welt den größten Mut.
    Alles Liebe, Julia

    • Liebe Julia,
      danke für deinen Beitrag. Freut mich, dass du dich in vielen Sachen wiederfinden konntest. Das sind ein paar schöne abschließende Worte: Die kleinsten Dinge erfordern manchmal den größten Mut.

      Einen lieben Gruß,
      Stefanie

  4. Liebe Stefanie

    Ich hatte bereits den Mut zwei mal auszuwandern alleine aber noch nie so viel Mut Europa zu verlassen. Das sollte sich nächstes Jahr ändern. Danke für die aufmunternden Worte in diesem Beitrag!

    Ganz liebe Grüsse,

    Paula

    • Liebe Paula,
      Auszuwandern ist eine Entscheidung, der viele kleine Entscheidungen vorangehen und auch während man sich im neuen Land mit neuer Kultur, neuen Menschen und neuer Arbeit einlebt, muss man immer wieder stark, optimistisch und standhaft sein.

      Herzliche Grüße von
      Stefanie

  5. Hi Stefanie,

    ein sehr schöner und zum Nachdenken und Reflektieren anregender Artikel. Danke für dieses Thema!

    Mut zu haben, kann vielfältig sein.

    Mut, zu haben, ist,
    sich seinen Ängsten zu stellen,
    sich einer Herausforderung zu stellen, auch wenn man mit Misserfolg oder Ablehnung rechnen muss,
    den Status Quo im eigenen Leben in Frage zu stellen,
    einen komplett anderen Weg einzuschlagen, auch wenn er in eine bisher entgegengesetzte Richtung führt,
    auch mal einen Umweg zu nehmen, auch wenn es nicht der schnellste oder direkteste Weg ist,
    seinen eigenen Weg konsequent zu gehen, auch wenn Familie oder Bekannte diesen Entschluss nicht begrüssen oder verstehen,
    auch einmal bewusst langsamer zu machen …
    und so vieles mehr!

    Fussige Grüsse, Jana

    • Liebe Jana,
      ich bedanke mich auch für deine ergänzenden schönen Zeilen!
      Du untermauerst deine Aussagen mit den Wörtchen „…, auch wenn“. Damit zeigst du an, dass eine mutige Entscheidung durch Gegenstimmen und ins Ungewisse führen und zu radikaler Veränderung leiten kann – aber es trotz allem zu wagen.
      Danke für den ermutigenden Vers!

      Einen schönen Gruß,
      Stefanie

  6. Liebe Stefanie,

    das war ein sehr interessanter Beitrag. Darf ich fragen, wie du dir das ständige Umherreisen finanzierst? Ich suche noch nach einer passenden Möglichkeit für mich, denn wie du bin ich in der Welt zuhause und muss immer wieder etwas Neues erleben.
    Besitz ist mir nicht wichtig – ich empfinde ihn eher als eine Last. Was braucht man schon wirklich zum Leben? Nicht viel.

    Ich habe schon einige Jahre in verschiedenen Ländern wie Japan, Neuseeland, Australien und Südamerika gelebt und dafür auch schon drei Mal meinen Job gekündigt. Allerdings musste ich dazwischen leider immer wieder nach Deutschland zurück, um mir das Geld für den nächsten großen Trip zu verdienen.
    Gerne würde ich von unterwegs aus arbeiten, aber ich habe keine Ahnung, was man ohne spezielles Studium oder Abi ausüben könnte…
    Deshalb dachte ich, du könntest mir vielleicht einen Tip geben? Bist du unterwegs vielleicht mal auf eine Idee gestoßen? 🙂

    Immerhin bin ich gerade dabei, mich mit meiner Malerei teilweise selbstständig zu machen. Das ist auch etwas, wovon ich schon lange geträumt, aus mangelder Kenntnis und auch Angst aber immer wieder auf „später mal“ verschoben habe.
    Vielleicht kann ich dadurch endlich in Deutschland glücklich werden…

    Doch der Nomade in mir ist stark!

    Meine Familie ist sehr sicherheitsbedürftig, aber das scheine ich irgendwie nicht geerbt zu haben und stoße regelmäßig auf Unverständnis. Deshalb hat es gut getan, deinen Beitrag zu lesen. 😉

    Viele Grüße und danke,
    Kira

    • Liebe Kira,
      ich bin sehr froh, dass du mir einen Kommentar hinterlassen hast.

      Du sprichst von dem Sicherheitsbedürfnis in Deutschland. Das ist eine Ansicht, die sich bei mir durch oder wegem dem Reisen verändert hat. Man lebt nur einmal und man selbst ist der Herr darüber, in welche Richtung wir gehen. Das Leben findet außerhalb der ausgetretenen Pfade statt.

      Mein Job als Controllerin macht es leider nicht möglich, unkompliziert und kurzfristig Arbeit im Ausland zu finden. Zumeist werde ich von Arbeitsvisa beschränkt. Ich lebe momentan von Erspartem und versuche, unterwegs – New York, Australien und bald Neuseeland – zu arbeiten. Irgendwann braucht auch der kostenbewusste Reisende wieder Geld in der Kasse.

      Die Arbeitsvisa in Australien, Neuseeland und Kanada sind altersbeschränkt. Wie alt bist du denn? Vielleicht kannst du dir mit der Malerei in Touristenorten auch einen (von mehreren kleinen) Einkommensströmen schaffen?

      Halte mich auf dem Laufenden. Ich kenne dich nicht, aber deine Ideen und Ansichten gefallen mir.

      Ich wünsche dir nur das Beste und Erfolg mit deinen Plänen,

      Viele Grüße,
      Stefanie

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