U-Bahn-Geschichten aus New York City

U-Bahn-Geschichten aus New York City

Das Subwaysystem in New York City hat einen rauen Unterton. Es ist dreckig. Es stinkt. Soll es nicht auch Ratten geben? Die Gleise sind zugemüllt. Und gefährlich ist es auch. Schauderhaft und unheimlich. Einfach unschön. Und dieses Gedränge. Wie ein unterirdisches Labyrinth. Man verliert jegliche Orientierung.

Ob bereits in New York gewesen oder noch nie, jeder hat seine eigenen Vorstellungen oder Erinnerungen an die U-Bahnen New York‘s. Das macht es spannend.

Ich trage hier zusammen, was ich in New Yorker’s Untergrund erlebt habe. Ganz so gruselig ist es gar nicht und Ratten sieht man auch eher selten. Hektisch ist es nur in der Rush-Hour. Die Gleise werden regelmäßig von Müll entfernt. Und Ausfälle gibt es ziemlich selten. Man darf nicht vergessen, wie viele Menschen täglich die Subway benutzen – weit über 4 Millionen. Klar, dass nicht alles rosig riecht und reibungslos funktioniert.

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Die Subway ist mehr als nur Transportmittel. Sie ist ein Ort der Unterhaltung. Ein Ort, an dem man ohne schlechtes Gewissen am Smartphone hängen darf. Ein Ort, an dem man einschlafen, zeichnen oder rätseln darf. Ein Ort, an dem gesellschaftspolitische Themen an eine breite Masse kommuniziert werden. Ein Ort, an dem Musiker, Sänger und Tänzer ihre Talente präsentieren. Ein Ort, an dem Obdachlose mit einem Kaffeebecher durch die Wagons rasseln.

Was wäre New York ohne sein mystisches Untergrundlabyrinth? Züge oder Busse sind nicht das gleiche. In der Subway spielt sich das Leben ab. Die Bahnfahrt gehört zum Alltag und nimmt für mich mittlerweile einen großen Teil meiner New York Erfahrung ein. Ich freue mich auf die Herbsttage, an denen ich einen ganzen verregneten Sonntag die Bahnlinien auf- und abfahren kann – einfach weil es ein Erlebnis ist. Man wird wahllos mit den unterschiedlichsten Leuten in einen Abteil gewürfel und steckt dann für die nächsten Minuten zusammen – manchmal Nasenspitze an Nasenspitze.

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Wenn ich öfters in Artikeln erwähne, dass in New York kein Tag dem anderen gleicht, so denke ich oft an die Fahrten in der Subway. Sie scheinen so unspektakulär. NEIN! Ganz und gar nicht. Hier sind meine Erlebnisse:

PIPI IN DIE WASSERFLASCHE

Eine junge Mutter fragt ein Ehepaar, ob sie deren Wasserflasche bekommen könne? Ihr Sohn müsse dringend auf Toilette. Das Ehepaar trinkt die Flasche aus und übergibt sie. Die junge Mutter öffnet die Hose des Jungen und ja … einfach ohne Worte!

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KURZ NACH MITTERNACHT

Sonntag kurz nach Mitternacht rollt die Subway endlich ein. Ich steige in den Wagon. Noch bevor ich wahrnehme, was ich sehe, steigt mir ein grauenvoller starker Geruch in die Nase. Der Wagon ist leer bis auf einen schlafenden Mann, ein Obdachloser, der den kompletten Wagon in seiner Geruchswolke einnimmt. Ich trete sofort wieder aus und wechsle das Zugabteil. In dem Moment kommt mir ein anderer Mann, der mit mir am Bahnsteig wartete, aber ins Nebenabteil einstieg, von da aus entgegen. Auch er ergriff die Flucht und dachte, da drüben ist es angenehmer. In dem Abteil stank es auch. Da lag einer in weißen Bettlaken eingewickelt. Es roch bestialisch.

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LUFT ANHALTEN

Bevor ich mich fragen kann, warum die Menschen sich auf die eine Seite des Wagons lehnen während auf der anderen Seite noch Plätze frei sind, rieche ich es auch. Ein Obdachloser hat ein paar Sitze und damit ein Eck für sich beansprucht und döst in aller Ruhe neben den Säcken seines Hab und Guts. Unangenehme Geruchswolken gibt es in New York genug, aber die verfliegen auch schnell wieder. In der Subway ist man allerdings gefangen. Jeder versucht, möglichst wenig Luft zu holen oder hält sich ein Tuch vor die Nase.

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DEFEKTE KLIMAANLAGE

Ich renne die Treppe hinunter und hoffe, die U-Bahn fährt jetzt nicht ab. Hm, die Türen sind noch offen. Wartende Menschen, aber kaum jemand steigt ein. Hah, die Klimaanlage ist defekt. Und das im Hochsommer einige Meter unter der Erde. Verwöhnt von klimatisierten Räumen ist es für Amerikaner unzumutbar, einzusteigen. Bis auf den bestialischen Geruch ist eine defekte Klimaanlage wohl der einzige Grund für einen New Yorker, auf die nächste Bahn zu warten. Aber eben nur dann!

Ich muss sagen, dass es wirklich unangenehm heiß da drin war und mir auch der Schweiß lief. Aber geteiltes Leid ist halbes Leid. Es schlossen sich regelrecht Freundschaften. Einer bot dem anderen seinen letzten Schluck aus der Wasserflasche an. Wenn es hart auf hart kommt, sind die New Yorker doch eine Gemeinschaft und helfen einander.

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EINGESCHLAFEN UND ABGELICHTET

Am frühen Abend eines Wochentages halten zwei junge Männer nebeneinander ein Schläfchen. Nichts weiter dabei. Da starrt auch niemand. Plötzlich wacht der eine auf und macht von dem anderen ein Foto. Die kannten sich nicht. Ich kann mir vorstellen, dass das Bild sofort den Weg in die sozialen Medien ging mit dem Kommentar „Immer diese schlafenden Leute in der U-Bahn – wie nervig“.

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BAHNWAGON ALS SCHMINKSALON

Für mich ist es selbst als Frau undenkbar aber respektabel, sich in der U-Bahn zu schminken. Mit dem Schaukeln könnte ich vielleicht mit etwas Übung irgendwann klarkommen. Die Tatsache, dass alle an meiner Vorher-Nachher-Transformation teilhaben, würde mir nicht gefallen. Es gibt sie aber, die Frauen, die ihr Schminktäschchen in der Bahn auspacken. Und das passiert nicht so selten.

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PERIODENSICHERE UNTERWÄSCHE

Welcher Ort ist besser für Werbezwecke geeignet, als ein Ort, an dem man die Zeit hat, in der Weltgeschichte umher zu schauen? Die Unterwäschekampagne von Thinx, über die die ganze Union Square Station plakatiert wurde, sorgte Ende Mai für Empörung. Geworben wurde mit leicht bekleideten Frauen für periodensichere Unterwäsche. Thinx wollte damit öffentlich über das Thema Menstruation sprechen, aufklären und eine Innovation in die Branche bringen. Mehr dazu auf Zeit Online.

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WENN DIR WAS KOMISCH VORKOMMT

„If you see something, say something“ ist eine Kampagne, die New Yorker auffordert, aufmerksam und umsichtig zu sein. Verdächtige Gegenstände und auffällige Kleidung oder Verhalten sollen ernst genommen und an Bahnmitarbeiter oder Polizei gemeldet werden. Die Kampagne wird sowohl als Durchsage in den Zügen selbst praktiziert als auch mit Plakaten an Gleisen und Eingangsbereichen der Subway. Mit dem Zusatz „New Yorkers keep New York safe“ wird New Yorkern eine Verantwortung für die eigene Stadt übertragen.

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MACH MAL PLATZ

Eine ungeschriebene Grundregel für die Fahrt in der Subway ist es, bedürftigen Menschen einen Platz anzubieten. Bei der Oma mit Stock, einem Mädchen mit Gipsbein oder einem Mann mit zehn Einkaufstüten ist die Sache ziemlich eindeutig. Man steht auf und bietet den Platz an. Was aber, wenn man denkt die Frau ist schwanger, sich aber nicht sicher ist? Dann kann Höflichkeit nach hinten losgehen! Oder ab welchem Alter ist ein Mann froh, auch mal sitzen zu können? Es ist eine Gratwanderung zwischen Zuvorkommenheit und Blamage.

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DAS ERBRECHEN

Petrina von Moment: New York lebt schon seit vielen Jahren in New York. Da erlebt man jede Menge in der U-Bahn. Zum Beispiel schreibt sie mir diese Geschichte:

„Was hast du denn schon von New York gesehen?“, frage ich. Die Kleine ist vier und zum ersten Mal in New York, der Papa holt etwas zu essen und ich mache solange Konversation. „In der U-Bahn hat eine Frau gekotzt“, sagt sie. „Willkommen in New York“, antworte ich und denke: Dieses Mädchen würde in Nullkommanichts zur New Yorkerin. Sie hat nicht einmal mit der Wimper gezuckt.

Die Klischees vom U-Bahn-Fahren in New York habe ich fast alle durch. Dass sie alle sich auf Unangenehmes beziehen, ist ein gefundenes Fressen für diejenigen Deutschen, die wiederum dem Klischee der Jammerfreunde entsprechen. Das nervt mich. Ich blicke lieber auf die guten Dinge.

Darauf zum Beispiel, dass man in der New Yorker U-Bahn nicht so fies angestarrt wird wie in Deutschland. Und dass man die verschiedensten Lebens- und Kleidungsstile auf engstem Raum vor die Nase gesetzt bekommt – so viel Inspiration! Doch das Coolste an der U-Bahn übersehen auch viele New Yorker: die Kunst.

Da schwimmen grünblaue Riesenfische über die Mosaikwand, reckt sich ein Monster übers Glas, liegt das legendäre Gullikrokodil im Metallkleid auf der Lauer. Seit 1985 schicken die New Yorker Verkehrsbetriebe Künstler durch die Haltestellen, damit sie dort etwas hinterlassen können, das weder drängelt noch tropft noch stinkt, und es kommt auch nie zu spät, im Gegenteil, es kann Wartezeit sogar vertreiben. Weil ich immer noch nicht alle Kunstwerke in der New Yorker U-Bahn gesehen habe, schreibe ich immer wieder drüber.

Nur eins kann meine Begeisterung kurzfristig bremsen: Wenn mal wieder die Fahrpreise steigen, rattert mir die Frage durch die Hirntunnel, ob das Kunstbudget der Verkehrsbetriebe vielleicht anderweitig gebraucht wird.

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AUCH WAS IN DER SUBWAY ERLEBT?

Ob skurril, ohrenzerreißend, aufklärend, widersinnig oder lachhaft – ich würde die Sammlung an Subway-Geschichten gern erweitern. Hast du etwas beizutragen, dann schreib mir eine Mail an info [at] comfortzoneless [punkt] de.

 

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5 Kommentare

  1. Tolle Fotos mal wieder, liebe Steffi!
    Vielleicht sollten wir noch rasch dazusagen, dass die U-Bahn in Manhattan nur ganz im Norden mal kurz ans Tageslicht rattert – und man für so einen schönen Ausblick nach Queens oder Brooklyn fahren muss? Das Stück mit dem Q über die Manhattan Bridge finde ich zum Beispiel immer wieder atemberaubend.
    Schönen Gruß
    Petrina

    • Liebe Petrina,
      mensch, du siehst ein Foto und weißt sofort, wo es aufgenommen wurde. Ich bin beeindruckt. Der Ausblick von der Manhattan Bridge aus kam für mich das erste Mal sehr überraschend – auf einmal ans Tageslicht zu stoßen und dann noch mit dieser Aussicht.
      Danke, dass du deine U-Bahn-Geschichte in diesem Artikel geteilt hast. Weil du so viel über die U-Bahn-Kunst schreibst, gehe ich jetzt wohl mit offeneren Augen durch die Haltepunkte. Es gibt da einige geniale aber teils versteckte Kunstwerke.
      Viele Grüße,
      Stefanie

  2. Das klingt doch sehr faszinierend. Einen Tag lang die Linien rauf- und runterfahren. Und ich dachte schon, ich wäre die einzige Person, der so etwas in den Sinn kommt 😀
    Liebe Grüße
    Christina

    • Hi Christina,
      nee nee, da bist du nicht die einzige.
      Es wird halt auch nie langweilig auf den Bahnfahrten. Das ist wie eine kostenlose Sightseeingtour – nur, dass die Sights in dem Fall Menschen und deren Interaktionen sind.
      Herzliche Grüße aus New York,
      Stefanie

  3. Pingback: Ausgewandert nach New York - Interview mit Stefanie von Comfortzoneless - billigflieger.de

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