Stiller Beobachter in der lautstarken Welt

Stiller Beobachter in der lautstarken Welt

Hast du auch manchmal das Gefühl, von der Welt etwas Abstand zu brauchen? Die Konsumwirtschaft, das Streben nach mehr Geld und der Druck der Karriere führen uns am eigentlichen Leben vorbei, lassen uns nur funktionieren und unterdrücken unsere Gedanken. Ist Beschleunigung gleich Belastung? Als stiller Beobachter der Welt schreibt Simon für Comfortzoneless diesen Gastartikel. Simon beweist auf seinem Blog unterwegs-reiseblog.de, dass ihr euer Leben in die eigene Hand nehmen könnt. Er schreibt über mögliche Lebensentwürfe und die intensiven Entdeckungen, die er auf Reisen abseits ausgetrampelter Pfade macht.

Simon nimmt in diesem Gastbeitrag immer wieder Bezug auf das Reisen, aber eigentlich steckt im dem Artikel viel Gedankengut rund ums Leben selbst – wie man es gestalten mag und welchen Fußabdruck man letztendlich hinterlassen möchte. Lest selbst!

 

WARUM MACHE ICH DAS EIGENTLICH NOCH?

Am Sandstrand in einem Liegestuhl herumliegen interessiert mich nicht. Erholung und Backpacker-Treffpunkte sind nichts, was ich suche. Wenn ich unterwegs bin, will ich stiller Beobachter sein. Ich will mit meinen Augen die Welt sehen. Will mit meiner Nase die Tropen riechen und mit meinen Händen Steine und Bäume berühren, die mir nie zuvor begegnet sind. Ich will wissen, wie die Welt zusammenhängt. Ich will die weißen Flecken von meiner inneren Karte streichen. Ich will verstehen, was die Menschen bewegt und mit was sie ihre Zeit verbringen auf der anderen Seite der Welt. Was macht sie glücklich und was macht sie traurig?

Gastartikel von Simon von unterwegs-reiseblog
©Simon von unterwegs-reiseblog.de

GEISTER DER VERGANGENHEIT

Als ich den schiefen Turm von Pisa das erste Mal gesehen habe, konnte ich mein Glück kaum begreifen. Ich war an einem Ort, den die ganze Welt kennt. Ich hatte ein Bauwerk vor mir, das so berühmt ist wie Freddie Mercury oder Cleopatra. Ich war ein kleiner Junge und hatte das Gefühl, im Zentrum der Welt zu stehen. Den schiefen Turm vor mir, der mir aus Bilder- und Sachbüchern schon ein alter Bekannter war. Und das Gefühl, im Zentrum der Welt zu stehen, hat man nicht oft, kommt man aus einer kleinen Stadt am Rande des Schwarzwalds.

Mein Leben spielte sich in Büchern ab. In den Geschichten aus fernen Ländern und alten Zeiten. Die steilen Küsten Griechenlands wurden von Sagenwesen und tapferen Krieger*innen belebt. Der Dschungel Afrikas von abenteuerlichen Expeditionen erforscht und die endlosen Gebirge des Nordens von Wikingern beherrscht. Die Wüsten Afrikas waren voller wilder Geschichten und Chinas Flüsse faszinierten mich genauso wie das geheimnisvolle Gold Südamerikas.

Später, als ich schon jahrelang in Berlin lebte, hatte ich permanent das Gefühl, im Zentrum der Welt zu sein. Die Hauptstadt von so vielem.  Erst Ende zwanzig habe ich verstanden, ich kann und werde die Abenteuer meiner Kindheit erleben. Es ist möglich, einfach meinen Rucksack zu packen und loszugehen, loszufahren, loszufliegen. Um dann anzukommen in einem anderen Teil der Welt. An dem die Spuren einer anderen Geschichte zu lesen sind. An denen ich den Bildern begegne, die mich durch mein Leben begleitet haben.

Das erste Mal habe ich dieses wilde Gefühl in Burundi mitten in Afrika, als ich am Ufer des Tanganjikasees stehe und über das Wasser auf die Berge hinter der Grenze zu Kongo blicke. Das Leben ist ein Abenteuer und ich werde es verpassen, wenn ich nicht immer wieder solche Momente erlebe, denke ich. Das Leben ist ein Abenteuer, aber es wird nicht von selbst passieren, sondern ich muss mich auf den Weg zu ihm machen. Sonst ist es vorbei, bevor ich etwas fühle.

Noch später habe ich das Gefühl einmal ganz stark, als ich die Grenze nach Bulgarien überschreite und an der Donau entlang nach Osten fahre. Mitten hindurch durch die Trümmer der politischen Systeme, die bisher nur meine Geschichten bewohnten. Es wundert mich, wie nahe das Fremde ist. Man muss nicht um den halben Planeten fliegen, um es zu finden. Es liegt direkt vor der Tür. Während ich durch die Fenster des Busludscha-Denkmals auf die Gipfel des Balkangebirges blicke, weiß ich, warum ich immer wieder so weit gehe. Warum ich mit den Geistern der Vergangenheit spreche. Ich will das Fremde finden. Es vertraut machen.

Und dann verstehe ich, dass ich wieder da bin. Wieder da, wo ich auch am schiefen Turm von Pisa war. Nämlich am Zentrum der Welt. Das Zentrum der Welt ist überall. Nur alle Menschen, Tiere, Pflanzen und Orte zusammen sind das Abenteuer, das Leben heißt.

Reisen abseits von Touristenpfaden
Die Welt als stiller Beobachter wahrnehmen ©Simon von unterwegs-reiseblog.de

 

MEINE REISE NACH IRGENDWO

Ich stehe am Anfang meiner eigenen Reise nach Irgendwo. Noch lebe ich nach den Erwartungen der gesellschaftlichen Traditionen. Ich will sie nicht bewerten, aber dass ich dieser Erwartung nicht entsprechen will, das habe ich verstanden. Das Reisen ist meine erste Art, auszubrechen. Sehe ich das Hier von hier, wirkt es bedrohlich und als könnte man daraus nicht entkommen. Arbeit, Familie, Kinder, Freizeit, Konsum. Sehe ich das Hier mit all seinen Routinen, Leistungen, Arbeitsplätzen, zementierten Strukturen und Abhängigkeiten von der anderen Seite der Welt aus, wirkt es lächerlich.

Es geht nicht von heute auf morgen, aber wenn man es will, dann schafft man es. Das Reisen ist der Motor meiner Kreativität. Viele Jahre lang hatte ich kein Ziel, nur sinnlosen Ehrgeiz. Das Ziel habe ich immer noch nicht, das Ziel ist vielleicht die Suche. Wenn ich aufhöre zu suchen, falle ich auf der Stelle tot um. Irgendwo habe ich mal gehört, wer jeden Tag einen neuen Ort entdeckt, der oder die wird niemals alt. Es steckt etwas Wahres in diesem Satz. Abwechslungsreiche Jahre fühlen sich rückblickend sehr lange an. Jahre, in denen man morgens aufsteht, zur Arbeit geht und abends vor dem Fernseher oder dem Online-Shop sitzt, die fühlen sich kurz und leer an.

Ich habe eine Idee: Freiheit zum Denken will ich. Ich brauche Langeweile. Dieses Wort ist nicht blöd. Lange Weile. Zeit zum Denken. Wenn ich von morgens bis abends beschäftigt bin, habe ich keine Zeit zum Denken. Nicht zum richtigen Denken. Gute Gedanken kommen aus dem Nichts. Sie kommen nicht aus dem Leistungsdruck heraus. Das Reisen ist der Brandbeschleuniger meiner lodernden Langeweile. Sie verbrennt darin zu Phantasie.

Und das Reisen macht beides. Es zwingt mich zum Handeln außerhalb des mir bequemen Bereichs und es zwingt mich in stunden-, tage-, und wochenlanges Nichtstun. So wächst mein Charakter und so formen sich meine Gedanken.  Und irgendwann ist das Reisen vielleicht gar nicht mehr notwendig. Dann, wenn meine Phantasie auf ihren eigenen starken Beinen steht, dann bin ich frei.

Reisen ist entdecken
Der Luxus des Nichtstuns auf Reisen ©Simon von unterwegs-reiseblog.de

 

SCHATTEN IM PARADIES

Dass mein Weg ein Privileg ist, das darf ich nicht vergessen. Dass die Welt gleich morgen zugrunde ginge, wenn jede und jeder so viel Energie wie ich verbrauchen würde. Reisen ist Freiheit, Reisen ist Egoismus. Ich hoffe, dass meine durchs Reisen gewonnenen Ideen am Ende wenigstens zu etwas gut sind. Dass sie im Großen und Ganzen irgendetwas besser machen. Und sei es nur, weil ich im richtigen Moment den richtigen Menschen damit erreiche.

Am Ende bleibt, dass ich am liebsten ein stiller Beobachter bin. Mich selbst auflöse in der Welt um mich herum. Ich möchte die Fremde sehen, damit ich das Hier besser verstehe. Ich möchte mich dazu zwingen, anderen Ideen, Ideologien, Sehnsüchten und Ängsten zu begegnen, um meine eigenen besser einordnen zu können.

Simon von unterwegs-reiseblog.de

 

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2 Kommentare

  1. Was für ein wunderbarer Gastbeitrag! Es ist wirklich so. Das Reisen beschert dem Reisenden einen anderen Blickwinkel auf das Leben. Und mit der Zeit in der Fremde, die gesellschaftlichen Zwängen in der Heimat zu beleuchten, lässt mich oft (auch!?) an den Inhalten zweifeln. Schneller, höher, weiter! Ohne Zeit für sich und zum Nachdenken.
    Zum stillen Beobachter werden scheint mir da eine wunderbare Idee zu sein! Ich reise gerade mit meinem Freund und meinem Bruder und da bleibt auch auf Reisen nicht viel Zeit für Stille 🙂 Aber Freiheit ist Reisen immerhin auch dann. Haha.
    Ich denke, dass wir als Reisende das Blatt in der Hand haben. Durch unser Auftreten, unseren Weitblick, unsere Geschichten über die Menschen in der Ferne und die Freundlichkeit und über verschiedene, funktionierende Kulturen und Lebensmodelle, machen wir sehr wohl einen Unterschied.
    Bäääm! Wort zu Sonntag. Nein Samstag 🙂

    • Liebe Christin,
      ich finde den Gastbeitrag von Simon auch sehr gelungen. Daumen hoch! Was er da anspricht, brodelt vielleicht auch schon in anderen Köpfen, doch leider bleiben so viele dieser Gedanken unausgesprochen, weil die Angst besteht, man wäre mit den Ansichten alleine. Ich finde, Simon trifft den Nagel auf den Kopf und spricht damit vieles aus, was in unserer Hamsterrad-Gesellschaft verdrängt wird.

      Danke Christin, dass du hier auch deine Erfahrungen, die dich deine Weltreise bescheren, einbeziehst. Auch wenn schon viel unterwegs gewesen, man lernt sich auf Langzeitreisen immer wieder mehr selbst kennen. Ich finde das die wunderbarste Erkenntnis.

      Ich wünsche dir noch eine aufregende Zeit unterwegs und danke für das Feedback,
      viele Grüße,
      Stefanie

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