New York, denkst du auch so oft an mich?

New York, denkst du auch so oft an mich?

Liebes New York,

denkst du auch so oft an mich?

Ich tu es ganz oft. Und sofort habe ich das Funkeln der Sonne, die an den Glasfronten der Hochhäuser reflektiert, vor Augen. Deine Wasserfront, die Architektur und die Grünflächen inmitten Beton und Stahl.

Ich höre die Sirenen; das Hupen; das Rattern der U-Bahn; das Knattern, wenn die U-Bahn beschleunigt; die stöhnenden Menschen, wenn die U-Bahn außerplanmäßig hält oder das Klickgeräusch, wenn ich meine Metro-Card durch den Schlitz ziehe.

New York, du bist so einzigartig: Der Qualm aus dem Gullideckel; der Duft, wenn ich morgens an einem Donutwagen vorbei gehe; der Gestank, wenn ich nachts einen Subwaywaggon betrete, in dem keiner außer einer ist; der Geruch, den in der Sonne gebrutzelte Müllsäcke abgeben. Wirklich nicht schön. Aber das nehme ich in Kauf.

Manchmal steige ich an irgendeiner Haltestelle aus und verliere mich in dem Flair des Stadtteils. Ein paar Blöcke weiter und es weht ein ganz anderer Wind. Alles ist eng und verschmolzen und hat so viel Charakter. Ich genieße es, in einer Stadt zu sein, deren Großteil der Bewohner gar nicht dort geboren ist. Für die meisten ist New York eine Wahlheimat.

New York, du bist so pulsierend. Du tust wirklich kein Auge zu!

Ich liebe den Kontrast zwischen urigen Backsteinhäusern und modernen Lofts. Zwischen echten und fake Hot Dogs. Zwischen nostalgischen Hinterhöfen und Limo-Parkplätzen. Zwischen Ruinen auf Roosevelt Island und spiegelgläsernen Wolkenkratzern. Zwischen der Einfachheit in Queens und der Hektik in Manhattan.

Am letzten Tag meiner Arbeit setzte ich mich auf die Fensterbank mit einem Kaffee in der Hand und genoss einfach den Ausblick: Die gelben Taxis, die einscheren, hupen, ausscheren, fluchen, umfahren. Busse, die sich zentimetergenau durch parkende Autos quetschen und schließlich die Kreuzung blockieren.

Ich konnte vom Büro sogar die Spitze des Empire State Buildings sehen. Ein Traum. Weißt du, einmal hab ich einen rießen Schreck bekommen. Es war so neblig und dämmerig und ich dachte, das Empire State Building wäre verschwunden.

Seit ich vor 10 Jahren das erste mal in der Stadt war, träumte ich davon, einmal mit meinem Business-Kleidchen und Handtäschchen zur Arbeit zu gehen, am Doorman vorbei im Aufzug mit Krawattenträgern hoch ins Büro zu fahren, von dem aus ich einen Blick über Manhattan hatte. Der Traum ging auf. Un-glaub-lich!

Ich werde nie vergessen, was du mir gelehrt hast. Und langsam denke ich, wer einmal in New York gewohnt hat, für den ist nirgendwo mehr gut genug.

Meine Lebensqualität in New York war ziemlich hoch. Du hast mir so viel Energie gegeben – wenngleich auch genommen. Aber dazu war ich bereit.

In New York lernte ich, rau zu sein und mich durchzusetzen. Für das anfangs fehlende „Excuse me“ beim Anrempeln hatte ich später auch keine Zeit mehr. Und da die Chance, jemanden ein zweites Mal zu begegnen, schwindend gering ist, kann ich mich noch in die überfüllte U-Bahn quetschen und die anderen auf die Palme bringen. Eine Umstellung war es in Boston und Washington D.C., wo Leute tatsächlich noch an der roten Ampel warten.

Was macht einen echten New Yorker oder eine echte New Yorkerin eigentlich aus? New York, ich werde dich wohl nie gänzlich verstehen, aber das ist gut so. So bleibst du interessant für mich.

Als ich das erste Mal Manhattan von oben sah, war ich sprachlos. Und dann ging die Sonne langsam unter und die Stadt leuchtete. Unbeschreiblich. Da spürte ich die Freiheit. Ich realisierte, wo ich eigentlich war.

Im Sommer fand ich mein Plätzchen in der Sonne im Brooklyn Bridge Park. Weißt du, der Nachteil ist, wenn du in Manhattan selbst bist, siehst du die Skyline ja gar nicht.

Meine Mittagspausen verbrachte ich an unterschiedlichen Plätzen. Ich überlege, ob es überhaupt einen Alltag in einer Stadt wie New York geben kann? Ich könnte um 4 Uhr morgens frische Lebensmittel einkaufen, in den Whirlpool vom Fitnesscenter gehen oder mir eine Pizza liefern lassen.

Alles ist möglich in New York. Auch irgendwie erschreckend.

Macht es das nicht vielleicht auch schwer, irgendwann woanders zu leben? Verwöhnt dich New York? Oder verdirbt dich New York?

Eins ist noch gesagt: Du bist viel mehr, als nur Time Square und Freiheitsstatue. So viel mehr. Ich denke an den Community Garden im East Village; stillgelegte U-Bahn-Stationen; die Cafés, die gar nicht aussehen wie Cafés oder die Antikläden mit soviel Charme. Ich unterhielt mich stundenlang mit Anglern im Battery Park, die bis Mitternacht Fische fingen. Ich machte Meditation im High Line Park. Ich erlebte einen Monat die authentische Bronx.

Mensch, New York, du bist keine Stadt, die man getan und abgehakt hat. Du bist ein Erlebnis. Endlose Erforschung.

Du bist verrückt. Ja genau, du bist verrückt.

Und ich komme wieder.

 

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2 Kommentare

  1. Hach Stefanie, was für ein schöner Liebesbrief! Und du hast ihn so schön geschrieben, ich hab ihn super gerne gelesen. 🙂
    Liebe Grüße, Klaus

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