Kulturelle Verhaltensweisen – Low und High Context Kulturen

Kulturelle Verhaltensweisen – Low und High Context Kulturen

Reisen lehrt uns über fremde Kulturen. Und noch mehr über unsere eigene Kultur.

In der Ferne schaut man mit anderen Augen auf das Heimatland.

Ich beobachte gerne das zwischenmenschliche Verhalten. Es ist interessant, wie Menschen der gleichen oder einer anderen Kultur, die mir fremd ist, miteinander kommunizieren.

Warum halten russische Gesprächspartner einen geringeren Abstand?

Warum sollte man die Businesscard in China mit zwei Händen entgegen nehmen?

Und warum schütteln Inder den Kopf für Zustimmung?

Das alles sind kulturelle Verhaltensunterschiede, die ich unheimlich interessant zu analysieren finde.

Was die Kommunikation betrifft werden Länder in low und high context Kulturen eingeteilt.

 

HIGH CONTEXT SPRACHKULTUR

Zu den high context Ländern zählen Japan, China und Korea, ebenso Spanien und Frankreich.

High context bedeutet, dass die Beziehung der Gesprächspartner im Mittelpunkt steht. Es wird weniger direkt ausgesprochen. Und es wird sich mehr mit Gesten und Gesichtsausdruck verständigt.

Einzelheiten und detaillierte Erklärungen werden in der high context Denkkultur nicht ausgesprochen.

In high context Ländern muss man zwischen den Zeilen hören. Unausgesprochenes ist ebenso wichtig, wie das Gesagtes.

In China beispielsweise wird viel indirekter kommuniziert als in Deutschland. Abgesagt oder abgelehnt wird selten mit einem „Nein“. Das ist zu direkt und könnte die Harmonie der Gesprächspartner stören. Vielmehr hört man ein „Vielleicht“ oder „Mal schauen“.

Die Kommunikation in high context Ländern lässt Spielraum für Interpretationen. Anhaltspunkte, um Nichtgesagtes aus dem Gegenüber zu lesen, sind: Gesichtsausdrücke, Pausen, Betonungen, Gesten, Anspielungen, Andeutungen oder Vorwissen.

Die high context Sprachkultur ist zwischenmenschlich. Harmonische Beziehungen zueinander stehen im Vordergrund.

Bei meiner  Arbeit in einer Müslifabrik in Sydney ist mir aufgefallen, dass mich meine asiatischen Kolleginnen immerzu angefasst haben. An der Schulter, an der Hüfte und in den Haaren. Ich wurde an die Hand genommen und bei jeder Unterhaltung musste ich langsam zurück auf einen für mich angenehmen Sicherheitsabstand rücken. Zum Mittag hatte jeder der Asiaten das gleiche Essen auf dem Teller. Warum? Weil jeder jedem etwas abgab. Alles wurde geteilt.

 

LOW CONTEXT SPRACHKULTUR

Deutschland dagegen gehört zu den low context Ländern.

Kommuniziert wird direkt und unmissverständlich um das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Der Umgang miteinander und die Beziehung zueinander sowie Gefühle sind sekundär.

Neben Deutschland zählen die USA und Skandinavien zu den low context Verhaltenskulturen.

Innerhalb der low context Kultur gibt es Abstufungen. Australien gehört auch zu den low context Ländern, fällt aber nicht in die gleiche Kategorie wie Deutschland. Denn, ein Durchschnittsdeutscher erkundigt sich weder nach dem Befinden noch lobt er eine fremde Person auf der Straße. Von Amerikanern und Australiern hört man ständig, was für eine tolle Frisur oder Handtasche man hat. Das ist Respekt und Interesse für die Mitmenschen. Als Deutscher reagiert man auf solche Äußerungen eher mit Misstrauen: Verwechselt sie mich mit jemanden? Will er mich anmachen? Sorgt er nur für Ablenkung und räumt sein Komplize nebenbei meine Handtasche aus?

Kängurus im Freien

 

DIE DEUTSCHE SPRACHKULTUR

Warum loben die Deutschen nicht? Wie spießig und egoistisch!

Jeder schaut auf sich und gönnt dem anderen nichts. Mittlerweile denke ich, ich musste erst den langen Weg reisen, um zu verstehen, dass es einfach eine andere nicht unbedingt falsche Art des Verhaltens und der Kommunikation ist.

Die Ferne hat mich einiges an Deutschland schätzen gelernt. Pünktlichkeit ist gar nicht schlecht, Bürokratie wünschte ich mir in anderen Ländern manchmal mehr und so spießig sind wir doch auch überhaupt nicht.

Deutsche sind oft kritisch. Dabei haben sie keinen Grund. Im Ausland werden wir geschätzt und respektiert.

In Australien wird den Deutschen nachgesagt, dass sie hart arbeiten, ehrgeizig und sorgfältig sind. „Made in Germany“ hat einen sehr guten Ruf, vor allem was Technik und Maschinenbau betrifft.

Ich höre oft viel Gutes über mein Heimatland; so oft, dass es wohl keine Schmeichelei mehr sein kann.

Klare Ansagen von Anweisungen führen in Deutschland vermutlich eher zum Erfolg, als eine mit Komplimenten behaftete zurückhaltende Verständigung.

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Den Unterschied zwischen low und high context Kulturen hat mich erst eine Reisebegegnung gelehrt. Ich bin froh, dass diese Begegnung mit einer so wunderbaren starken Frau zustande gekommen ist. Ohne sie würde ich mir vermutlich keine tiefgründigen Gedanken zu unserem Verhalten machen. Eine schöne Reisebegegnung, die ich für die gleichnamige Blogparade von heldenwetter niederschrieb.

2 Kommentare

  1. Vielen lieben Dank für die Teilnahme an meiner Blogparade, ich freu mich riesig darüber! So ein toller Artikel, und die Fotos, hach – ich bin etwas verliebt in die Kängurus 😀 Und die Beschreibung der Süßigkeiten klingt klasse, wenn auch etwas gewöhnungsbedürftig 😉

    • Hallo Ariane,
      Kängurus könnte ich ewig zuschauen, auch wenn sie nicht immer nett zueinander sind. Gerade, wenn sie kämpfen und man in sicherer Entfernung steht, ist das ein Videotape wert.
      Vielleicht führt es dich auch bald ins Down Under.
      Bis dahin viele Grüße,
      Stefanie

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