Ein täglicher Gedanke aus dem Leben in New York – Teil 1

Ein täglicher Gedanke aus dem Leben in New York – Teil 1

365 Tage in New York City stehen mir bevor. Das heißt zugleich 365 Tage voller Gedanken, Erkenntnisse, Kopfschütteln, Staunen, Neugierde und Überraschung. Wie kleidet sich der New Yorker? Was isst er? Wie meistert er seinen Alltag?

New York ist nicht nur der Schmelztiegel von Kulturen, wie sie unterschiedlicher kaum aufeinander treffen könnten. Gerüche, Essgewohnheiten, Geschmäcker, Lebenseinstellungen, Sprachen, Kleidungsstile, Interaktionen. Alles in großer bunter Vielfalt. New York ist Amerika und darüber hinaus eine ganz einzigartige kulturelle Erfahrung.

Durch die Augen eines frischen New Yorkers möchte ich jeden Tag einen Gedanken niederschreiben. Einen Gedanken darüber, was so absurd ist, was anders ist, was cool und was irre ist.

Ein Gedanke für jeden Tag in der Stadt, die niemals schläft. Eine Stadt, die für manche das ultimative Entertainment, für andere ein hektisches unkontrolliertes Aufeinandertreffen von Menschenmassen bildet.

Ich liebe NYC

APRIL – MONAT DER ANKUNFT

25. April 2016

Ankunft im JFK Flughafen. Wo kaufe ich nun die Tickets für den Airtrain? Ich frage eine ältere Dame. Wie sich herausstellt, eine deutsche Einwanderin. Der erste Kontakt mit einer New Yorkerin ist ein Landsmensch.

26. April 2016

Nach der ersten Nacht ein Blick aus dem Fenster meiner vorübergehenden Bleibe in der Bronx. Hier bin ich nun – in New York City, wo jeder Quadrat-Fuß Land mit Beton verbaut ist.

27. April 2016

Tip von meiner Mitbewohnerin: Bezahle nie den vollen Preis. Nutze Coupons, Codes, Deals, Discounts.

28. April 2016

Viele denken, in New York kleiden sich die Leute extravagant und schick. Sehen und gesehen werden. Ich hab das Gefühl, niemanden interessiert es. Die Aufmerksamkeit gilt den Smartphones.

29. April 2016

Das Iphone beherrscht die Welt der Technologie eines New Yorkers.

30. April 2016

„Excuse me“ heißt nicht etwa – wie ich lange annahm – ein freundliches Signal, dass man sich vorsichtig in die persönliche Distanzzone einer anderen Person begibt. In New York bekommt „Excuse me“ mit einem genervten Gesichtsausdruck und grimmiger Stimmlage eine ganz neue Bedeutung. „Lass mich durch“, „Hallo, hier komme ich“, „Kannst du vielleicht mal rüber gehen?“, „Du stehst im Weg“. Macht dich New York zum Arschloch?

 

MAI – ERSTER MONAT AUF ARBEIT

1. Mai 2016

Wenn ich denke, dass ein Subwaywagon voll ist, passen sicher noch zehn Leute rein. Zwei Minuten auf den nächsten Zug zu warten, ist  inakzeptabel.

2. Mai 2016

Alles ist nice, great, awesome, good for you and everything will be fine and you will have fun.

3. Mai 2016

An einem Regentag verliert die Stadt ihren Charme. Oh je, wie überstehe ich nur die Novemberdepression hier?

4. Mai 2016

„Good Night“ beim Verlassen des Büros heißt „schönen Feierabend“.

5. Mai 2016

Nicht alle Parks, die sich Parks nennen sind Grünflächen mit Bäumen und Sträuchern. Der High-Line-Park ist zum Beispiel auf alten Eisenbahngleisen für Fußgänger zugänglich.

High Line Park

6. Mai 2016

Nicht alle Grünflächen auf der Karte sind begrast und haben Bäume.

7. Mai 2016

Es hat mich eine Woche gedauert, bis ich erkannt habe, dass sich das Crysler Building zwei Straßenblöcke von der Arbeit entfernt befindet und ich jede Tag zweimal daran vorbei laufe.

8. Mai 2016

Ich freue mich auf mittwochs. Dann erscheint die New York Time Out.

9. Mai 2016

Selbst nach kurzer Zeit in der Metropole von New York City denke ich bereits über kurze Wochenendtrips aus der City nach.

Escape from New York

10. Mai 2016

Der Preis für einen Hotdog variiert je nach Lage des Verkaufsstandortes und reicht von $1 in der Bronx bis zu $4,50 im Battery Park.

11. Mai 2016

Ich erinnere mich an einen Besuch in New York 2010 zurück. Sobald ich den Wasserhahn in meinem Hotel aufdrehte, stieg mir der Geruch von Chlor in die Nase. Ich kann mich nicht überwinden, Wasser direkt aus der Leitung zu trinken. Andere schwören, dass die Wasserqualität in New York eine der besten sei. Hm…

12. Mai 2016

Ich kaufe mir einen Wasserfilter. Habe einen Baumarkt im Zentrum Manhattans entdeckt. AnHaushalts- und Handwerksartikeln gibt es nichts, was es nicht auch in Deutschland zu kaufen gäbe.

13. Mai 2016

Warum drehen sich die Leute in der Subway beim Telefonieren um die eigene Achse?

14. Mai 2016

Habe heute einem um die eigene Achse drehenden Mitte 30jährigen in der Subway bei seinem Telefonat zugehört. Ich hatte keine Wahl. Das Thema wurde so spannend, dass ich mit ihm in der gleichen Station aussteigen und ihn verfolgen musste. Es ging darum, ob er die Dame, die er am Vorabend kennengelernt hatte – CEO in der Wallstreet, seit drei Monaten geschieden, drei Kinder – zu einem Date fragen sollte. Es gab ein Happy End und ich konnte beruhigt nach Hause fahren.

15. Mai 2016

Sobald es keine Fußgängerampeln mehr gibt, befindet man sich ab vom Schuss.

16. Mai 2016

Zur Rush Hour im Grand Central Terminal sollte man sich auf Menschenströme gefasst machen. Zu wissen, wo man lang muss, ist unabdingbar. Gegen den Strom zu laufen, ist nahezu unmöglich.

17. Mai 2016

Für einen kleinen Kaffee bestellt man einen „Coffee grande“.

18. Mai 2016

Einen Aldi im Stadtteil Queens und der Bronx entdeckt. Wahnsinn.

19. Mai 2016

Kann man sich von Netflix nicht losreisen, betreibt man Binge Watching.

20. Mai 2016

Das Feingefühl, abzuschätzen, für welche Personengruppen man in der Subway Platz macht, um niemanden zu kränken. Dünnes Eis. Sehr dünnes Eis.

21. Mai 2016

Rooftop Park für die Mittagspause gegenüber vom Bürogebüde entdeckt.

Blick vom Rooftop für die Mittagspause in New York City

22. Mai 2016

Es ist unmöglich, Preise ähnlicher Artikel im Supermarkt zu vergleichen. Es gibt zwar Einheitspreise, aber die werden unterschiedlich ausgewiesen – auf 100g, 1 cup (Tasse), 1 lbs. (Pfund) oder 16 ounce (Unze). 1 Pfund entspricht 16 Unze. Das muss man wissen.

23. Mai 2016

Längeneinheiten sind gleichermaßen irreführend. Das Navi sagt mir, dass ich in ¼ Meile abbiegen soll. Komme ich näher springt die Einheit in Tausend Fuß um. Mir fehlt das metrische Einheitssystem und damit das Gefühl für die Länge einer Strecke.

Meine Abschminktücher messen 5.5 in x 7.8 in oder einfach nur 14 cm x 20 cm.

Wettläufe wiederum sind 5k (5km) lang. In den Teilnahmevoraussetzungen wird wieder auf Meilen zurückgegriffen. Die Mindestgeschwindigkeit wird in 15 Minuten pro Meile angegeben.

24. Mai 2016

Wo HARIBO drauf steht, ist nicht unbedingt Haribo drin.

25. Mai 2016

Umzug von der Bronx nach Queens, Astoria. Ein Wechsel wie Tag und Nacht. Also, von Nacht zu Tag.

26. Mai 2016

Deutschen Biergarten aufgesucht. In dem Lokal gibt es sogar deutsche Bedienung. Ich bin begeistert. Aber warum wird ein Schnitzel als „Fried Chicken Burger“ verkauft?

27. Mai 2016

Amerikanischer Supermarkt: Ein Ort, an dem die Erdnussbuttersorten über vier Regale reichen. Und nicht zu vergessen: Salzstangen mit Erdnussbutterfüllung, Erdnussbutterkekse, -kuchenfertigmischung, -eis, -waffeln, -cornflakes, -pudding, usw.

28. Mai 2016

Ich sitze im Bus nach Washington. Ein Bus, der seine besten Jahre hinter sich hat. Ich fühle mich aber wohl. Mit wenig Gepäck von A nach B zu reisen habe ich vermisst.

29. Mai 2016

Sich mit ein paar Sachen aus dem Supermarkt ein Frühstücksbuffett auf einer Parkbank gezaubert. Lange und intensiv zu frühstücken ohne auf die Uhr zu schauen, Blicke der Passanten zu deuten, die überlegen, ob ich auf der Straße lebe und einfach nur die Umgebung wahrzunehmen, ist herrlich. Wenn ich mit New York fertig bin, will ich wieder backpacken.

30. Mai 2016

Memorial Day – Gedenktag der Amerikaner. Wenn ich vor 10 Jahren den offenen Stolz faszinierend fand, nimmt das Blau-Weiß-Rot an dem heutigen Tag überhand. Das ist einfach zuviel.

Memorial Day Parade in Washington D.C.

31. Mai 2016

Irgendwann in der zweiten oder dritten Stunde hat mich eine Autoalarmanlage in die Senkrechte versetzt. Um sechs Uhr früh fährt der nächste mit gestörter Lautstärkenwahrnehmung einmal mit aufgedrehter Mucke in Schritttempo um den Block, sodass ich selbst im 5. Stock von dem Bass fast aus dem Bett geschleudert werde.

 

JUNI – MONAT DES UMZUGS NACH QUEENS

1. Juni 2016

In Manhattan lassen sich Zimmer für gutes Geld vermieten, die weder Bewegungsfreiraum, Fenster oder Gemeinschaftsküche aufweisen. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, kein Fenster zu haben – wegen den aumerksamkeissuchenden Irren in geräuschverursachenden Autos.

2. Juni 2016

Manche Männer nehmen in der Subway mit ihren gespreizten Beinen im Winkel von >90° zwei Plätze ein.

3. Juni 2016

Das Gefühl, wenn der Kollege 400 US$ Parkgebühren pro Monat für seinen Schlitten ein klein wenig teuer findet.

4. Juni 2016

Dem New Yorker wurde quasi ein Becher mit Strohhalm in den Handgriff genäht. Das ist wichtig, falls der Zuckerpegel zu sinken droht. Ohne Eistee, Frappe, Eiscappuchino, Mich-Shake oder einfach nur gesüßter Sprudel-Brühe braucht der Tag erst gar nicht beginnen.

5. Juni 2016

Ein Viertel der Zeit des Wocheneinkaufs geht auf die Wartezeit an der Kasse drauf. Immer mit der Ruhe ist hier der Schlüssel für einen angenehmen Arbeitstag. Das spiegelt so gar nicht die Realität draußen auf den Straßen Manhattans nieder.

6. Juni 2016

Du kaufst ein Teil und bekommst es in zwei Tüten eingepackt.

7. Juni 2016

Manhattan bekommt erst aus der Distanz den vollen Glanz der funkelnden Schönheit aneinanderreihender Gebäude.

Skyline bei Nacht von Long Island City

8. Juni 2016

Es gibt immer jemanden, der deine schlimmsten Träume von einem geschmacklosen Outfit toppen kann.

9. Juni 2016

Es gestaltet sich als zeitintensive Sucherei, ganze normale Mandeln zu finden. Da hätten wir Schokomandeln, Mandeln in Honigmantel, in Honigmantel mit Zimt, in Honigmantel mit Vanille, in Limetten-Chili-Richung, mit Kürbiskuchengewürz, mit BBQ-Gewürz, leicht gesalzen, stark gesalzen, gesalzen und gepfeffert, mit Salz und Essig, mit Meeressalz, mit Salz und Karamel, geröstet in Soyasoße oder unter Zugabe von Kokosnuss, usw.

Eine ähnlich bunte Auswahl gibt es bei Brot und Haferflocken.

10. Juni 2016

Das Gefühl, sechs Wochen nach Kontoeröffnung die Bank zu betreten und umgehend von der Bankberaterin herzlichst umarmt zu werden. Wie einen alten Freund, den man endlich wiedersieht.

11. Juni 2016

Selbst in New York bleibt die Wanderlust nach einem anderen Ort nicht aus. Auto gemietet und eine grobe Richtung nach Philadelphia angesteuert.

12. Juni 2016

Müde, aber hungirig vom Roadtrip in meiner Bleibe in Atlantic City angekommen. Das Gefühl, nur mal schnell raus zu gehen und Essen zu holen und irgendwann in den Morgenstunden zurück zu kehren – ohne etwas gegessen zu haben, dafür das volle Program auf dem Boardwalk mitgenommen zu haben – Süßkram, Bier, Fahrgeschäfte und Casino. Alleinsein kann ganz schön sein.

13. Juni 2016

Ich hab den Sand zwischen meinen Füßen sehr vermisst. Sand erinnert mich daran, dass man nur ganz wenige Dinge braucht, um glücklich zu sein. Und Sonne lässt mich nach innen und außen strahlen.

Ab dem heutigen Tage für die nächsten Wochen kreisen meine Gedanken darum, langfristig in einem Bungalow am Strand zu leben.

Sandy Hook - Skyline aus der FerneSandy Hook - Skyline aus der Ferne

14. Juni 2016

Im Büro findet ein Post-it-War statt.

15. Juni 2016

Wenn die halbe New Yorker Menschheit morgens die Straßen entlang ins Büro hetzt, versucht die andere Hälfte gegen den Strom zu joggen. Was soll das denn? Hindernislauf?

16. Juni 2016

Während ich diese Zeilen schreibe und lässig auf meinem Queensize-Bett in meinem kleinen Apartment in Queens hänge, muss ich an Carrie denken und wie sie an ihrer Kolumne schreibt.

17. Juni 2016

Wäscherein auf dem Weg zum Fitnessstudio gezählt. Sieben Stück entlang fünf Straßenblöcken.

18. Juni 2016

Es gibt ja nichts, womit New York nicht mithalten will: Kayaken auf dem East River mit Blick auf die Skyline Manhattans.

Kayaken auf dem East River

19. Juni 2016

Interessant, dass Bananen oft als Stückpreis verkauft werden.

20. Juni 2016

Ich stelle mir bei einigen Kleider(-farb-)kombinationen innigst die Frage: WA-RUM?

21. Juni 2016

Jetzt möchte ich, dass sich andere mal diese Fragen nach dem WA-RUM? stellen. Ich gehe in meinem Pyjama-Kleid in den fünf Blöcke entfernten Supermarkt einkaufen. Und das Schlimme? Alles ist wie immer.

22. Juni 2016

Ich werde von einem Passanten an der roten Fußgängerampel in meinem schnellen Schritte mit dem Arm aufgehalten. Es gibt sie noch. Die Menschen, die ohne Smartphone unterwegs sind.

23. Juni 2016

Die Sommerparty meines Chefs steht an. Hierfür gab es drei Save-the-date-Einladungen im Voraus, eine elektronische Einladungskarte, ein paar Erinnerungen, einen Kalendereintrag und einen Wegweiser.

24. Juni 2016

Erkenntnis, dass Sport überall gespielt werden kann. Fußball, Tennis und Volleyball im Brooklyn Bridge Park mit der wohl besten Aussicht.

25. Juni 2016

Ich realisiere, dass ich auf dem Weg zur Arbeit mit der Subway den East River unterquere. Ein mulmiges Gefühl.

26. Juni 2016

Gay Pride Parade. Eine jährlich stattfindende sehr toll aufgezogene Parade, die bunter und verrückter kaum geht.

Gay Pride Parade in New YorkGay Pride Parade in New York

27. Juni 2016

Ein nettes Phänomen, dass ich mir nicht erklären kann: Menschen stehen auf dem Wartegleis an der U-Bahn-Station. Es gibt keine außergewöhnlichen Wetterbedingungen, die eine Ansammlung an dem einen oder dem anderen Platz rechtfertigen würden. Sobald der Zug einrollt und etwa 5 Sekunden, bevor er zum Stehen kommt, findet eine Nomadenwanderung in die Richtung, die der Zug ansteuert, statt. Es stört mich auch nicht. Ich schmunzel nur jedes mal wieder in mich hinein.

28. Juni 2016

Zeitig für einen Meditationskurs im High-Line-Park aufgestanden und den ganzen Tag „Du-kannst-mir-gar-nichts-ich-bin-tiefenentspannt“ auf der Stirn stehen gehabt.

29. Juni 2016

Breakfast at Tiffanys – ein Klassiker in open-air über den Dächern New Yorks.

Breakfast at Tiffanys über den Dächern NYC

30. Juni 2016

Da haben wir sie. Die schwüle Hitze vermengt mit Gerüchen verschiedenster Ursprünge in den Subway-Stationen. Es wurde mir nicht zu viel versprochen.

 

Die Fortsetzung der Artikelreihe ist nachzulesen:

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