Drei Jahre unterwegs: Ich möchte, dass es niemals aufhört

Drei Jahre unterwegs: Ich möchte, dass es niemals aufhört

Mein letzter Arbeitstag. Ich räume meinen Schreibtisch leer. Meine Wohnung ist bereits ausgeräumt. Ich verriegle die Türen des Umzugswagens. Die Möbel lagere ich in der Garage meiner Eltern ein – mit der Absicht, in einem Jahr wieder zurück zu kommen um da anzuknüpfen, wo ich aufgehört habe.

Diese Zeilen schreibe ich von Neuseeland.

38 Monate später.

Meine Möbel? Noch immer eingelagert. Das Reisefieber hat mich gepackt. Wie ein Chip, der mir eingepflanzt wurde und meine Entscheidungen dahingehend beeinflusst, dass ich kreuz und quer durch die Welt ziehe. In Deutschland in naher Zukunft sesshaft zu werden, kommt nicht in Frage.

REISEN BEDEUTET LEBEN

Wenn ich reise, fühle ich mich frei. Ich fühle mich lebendig. Das mag komisch klingen.

Ich fühle, dass ich lebe, wenn ich einen Ort spüre: Die Gerüche einer neuen Stadt, die Gewürze von neuen Gerichten, das Hupen im Straßenverkehr, die Wellen an den Buchten, das Wochenmarkttreiben, der Rauch von Zigarren, die verschiedenen Dialekte.

Zuhause hatte ich nie die Zeit, mein Umfeld wirklich wahrzunehmen.

REISEN LEHRT

Reisen lehrt mir so viel wie keine Schule oder kein Buch. Ich feiere den vierten Juli ebenso wie das Indisches Diwali oder das Chinesisches Neujahr und vergesse dabei den Tag der Deutschen Einheit.

Menschen fragen mich über Deutschland aus, vergleichen mich mit Stereotypen, loben uns für unsere Willensstärke und den Ordnungssinn und belächeln uns für unsere eingeschlafenen Lachmuskeln und den starren Klang der deutschen Sprache.

Ich muss plötzlich Fragen beantworten, über die ich daheim nie nachgedacht hätte. Während ich unterwegs bin, lerne ich mehr über mein Land als ich daheim je erfahren hätte.

Ich schätze den deutschen Reisepass. Einer der Wertvollsten überhaupt. Er erlaubt es mir, so lange und einfach zu reisen. Ich schätze meine bescheidene Erziehung. Ich bin dankbar, gelernt zu haben, mit Geld umzugehen, die kleinen Dinge zu schätzen und auf eigenen Füßen zu stehen. Ich schätze es, keine arrangierte Ehe schließen zu müssen. Ich schätze es, in einem ökonomisch starken Land aufgewachsen zu sein und mit dem Euro in den meisten Ländern dieser Erde weit zu kommen.

Und ja, ich bin bereit, weiterhin auf unbequemen Matratzen zu schlafen, zwischen wenigen Outfits auszuwählen, auf Coffee To Go zu verzichten, meine Wäsche im Waschbecken zu schrubben und den Bummelzug zu nehmen, wenn es bedeutet, dass ich länger reisen darf.

Chobe National Park Sonnenaufgang

REISEN HEIßT HERAUSFORDERUNG

Reisen fordert mich heraus. Es macht Spaß. Reisen heißt Entdecken des Unbekannten und Neuen.

Das ist wie ein Kick, den man immerzu sucht. Ob es Insektenessen betrifft, das Fahren auf der linken Straßenseite, das Reisen auf einer Insel, auf der ich nur mit Onlineübersetzer voran komme, den Magen mit Streetfood abzuhärten, zu einsamen Buchten zu kayaken, sich zu beherrschen, wenn morgens halb fünf irgendjemand im Hostel anfängt, mit Tüten zu rascheln, wenn die Kilos auf dem Rücken an den Schultern ziehen und man immer noch einen Kilometer weiter laufen kann, eintönige Mahlzeiten zu sich zu nehmen oder über Stock und Steine alleine zu klettern, wenn einem die ausstreckende Hand fehlt.

Reisen bedeutet, an einem Ort, an dem dich niemand kennt, neu anzufangen. Seelenverwandte am anderen Ende der Erdkugel zu treffen.

Sich auf einem anderen Kontinent ein Mini-Leben auf Zeit aufzubauen. Einen Alltag zu erleben. Sich heimisch zu fühlen. Und Spuren zu hinterlassen.

DIE REISE ZU SICH SELBST

Über allem steht die Reise zu sich selbst. Sich selbst kennen zu lernen. In nicht so runden Situationen die Ruhe zu bewahren. Zu wissen, wie viel man sich zutraut und sich selbst treu zu sein.

Nicht zu reisen, um Facebookfreunde zu imponieren, sondern es für sich selbst zu tun.

Um zu wachsen, um sich zu bilden, um einen Ausgleich zum hektischen Umfeld zu finden, um Spaß zu haben und letztendlich das Gefühl zu haben, das eigene Leben in die Hand nehmen zu können.

ALLEINE ZU REISEN

Alleine zu reisen, zwingt mich dazu, mich mit meinen Gedanken zu befassen. Das ist manchmal gruselig. Und es kommen plötzlich Erinnerungen oder Ideen zum Vorschein, die mir zu Hause nie in den Sinn gekommen wären.

Alleine zu reisen, zwingt mich auch, Probleme selbstständig zu lösen.

Es bedeutet, eine Reise MEINE REISE zu nennen. Es bedeutet, meine Reise nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Dafür muss man wissen, was man mag und was man nicht mag. Und genau das lehrt mich heute noch das Reisen.

Reisen ist ein nie endender Prozess des Lernens und plötzlich realisiert man, welch winzigen Punkt wir auf der Erdkugel und auf dem Zeitstrahl einnehmen.

Haengematte Reunion Island

ES IST OKAY

Durch das Reisen verliert man ein Zeitgefühl. Manchmal ist der Körper schon in einem neuen Land, der Geist aber noch im Alten. Es ist okay, …

… nicht zu wissen, welcher Wochentag heute oder wie spät es im Moment in Deutschland ist.

… auch mal reisemüde zu sein und keine Lust auf Erkundungstouren zu haben.

… Baht in Australische Dollar umzurechnen, weil ich mit Euros schon länger nichts mehr am Hut hatte.

… sich nicht schlüssig zu sein, was ich auf die Frage „Und wo wohnst du jetzt in Deutschland?“ antworten soll.

… nicht zu wissen, wo ich nächsten Monat oder nächstes Jahr sein werde.

… sich nicht mehr erinnern zu können, in welchem Land ich die Person XY auf meiner Facebook-Timeline noch gleich kennengelernt hatte.

… nicht zu wissen, wann ich genug vom Reisen haben werde.

ICH HABE MICH GEÄRGERT

Mit so vielen Variablen, Ungewissheiten und Spekulationen über ein neues Reiseland, kommt manchmal etwas unvorhergesehen. Oder es läuft komplett schief.

Wie so oft im Leben ist weniger entscheidend, was schief geht, als wie man mit so einer Panne umgeht. Ich werde oft gefragt, was mein größter Reinfall war. So recht kann ich das nicht beantworten. Allerdings gab es ein paar Dinge, über die ich mich geärgert habe:

Ich musste am JFK Flughafen fünf zusätzliche Kilos Übergewicht im Handgepäck in meine Jackentaschen umpacken, weil ich damit spekuliert habe, dass mein Handgepäck NIE gewogen wird.

Ich musste bei der Mietwagenabgabe in New York einen enormen Preis für die Gallonen zahlen, weil ich es zeitlich nicht mehr geschafft habe, vollzutanken.

Ich habe mich auch geärgert, in Mauritius im strömenden Regen anzukommen, während ich Deutschland im Sonnenstrahl verließ.

In Namibia beim Campen in der Wüste habe ich mich geärgert, keinen dickeren Schlafsack mitgenommen und vorrangig nur auf das Gewicht geachtet zu haben.

Als ich Bettwanzen in Indonesien bekam und diese Eier in meinen ganzen Sachen gelegt haben, war ich verzweifelt. Ich hab mich geärgert, nicht vorher die Matratze nach den Bedbugs untersucht zu haben.

Dass ich am Beginn meiner großen Reise schon alle Hostels für zwei Monate im Voraus mit einem australischen Reisebüro buchte und am Ende viel teurer kam und unflexibel war, ärgert mich bis heute noch.

Mir fiel mein Lieblingsnagellack aus meinem Kulturbeutel und zerschmetterte auf den Badfliesen des Hostels. Ich habe heute noch ein paar hellblaue Streifen auf meinen Flipflops, die mich immerzu an dieses Missgeschick erinnern.

Als plötzlich eine Welle kam und meine Sonnenbrille im Meer in Thailand verschwand, war das ärgerlich.

Als ich gestern in Neuseeland nach langem Umherirren das letzte freie Bett in der Stadt bekam, da alle Unterkünfte wegen eines Triathlons ausgebucht waren. Es hat mich geärgert, keine Unterkunft im Voraus gebucht zu haben.

Wilderniss stillgelegte Zuglinie

ICH MÖCHTE MICH IMMER DARAN ERINNERN

Reisen bedeutet, Erinnerungen zu machen. Noch viel mehr bedeutet es, den gegenwärtigen Moment zu genießen, bevor er zu einer Erinnerung wird. Schaue ich auf die vergangenen drei Jahre zurück, möchte ich mich immer erinnern an …

… ein kleines australischen Örtchen, in dem ich Orangen von einem Band in Kartons verpackt habe. Das war eine eintönige Arbeit mit 50 bis 60 Stunden in der Woche mit Vorgesetzten, die dich quasi wie eine Orange behandeln. Im Nachhinein bin ich stolz darauf, vier Monate durchgehalten zu haben.

… an die langen Über-den-Balkon-Gespräche auf Mauritius, als mir ein Franzose mit unter-die-Haut-gehenden Horrorgeschichten erfolgreich ausredete, nicht nach Johannesburg zu reisen.

… an die weisen Worte eines reiseerfahrenen Neuseeländers „a traveller selects“ – ein Reisender wählt seine Ziele bewusst aus. Wenn mich das Angebot von Touristenattraktionen überfordert, denke ich an seine Worte. Es ist okay, Dinge bewusst auszulassen ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.

… an meinen Sitznachbarn im Bus durch Afrika, der mit knapp 70 mit uns Jungspunden campte.

… an das Feuerwerk über Sydneys Harbour Bridge, auf das ich seit morgens um 10 Uhr gewartet hatte.

… an die Einreise von Malaysia nach Thailand über den Wasserweg. Und wie ich in Kho Lipe im knietiefen Wasser ankam und meinen Einreisestempel in einer kleinen Hütte am Strand abholte.

… an den Blick von Rooftopbars auf Lower Manhattan. Es ist dieses Gefühl, nicht zu glauben, dass man wirklich da ist.

… als ich zum Melbourne-Auftakt der Formel 1 als Strecken-Marschall die Fahne schwingen durfte.

… an die Momente, an denen ich auf einen Aussichtspunkt hinauf schreite oder mich durch das Gestrüpp zum Strand kämpfe und mir diese schönen Ausblicke Freudentränen bereiteten.

… an den Moment, wenn die Autovermietungsfirma die Schlüssel überreicht und ich einen Roadtrip starte.

… mit drei oder vier Scootern auf einer Fahrbahn durch Bali zu fahren, an einem verwahrlosten Holzstand Halt zu machen, Sprit in der Plastikflasche zu tanken und zu genießen, wie der Wind durch die Haare weht.

… an die U-Bahn-Fahrten in New York, die plötzlichen Showeinlagen, die Gerüche, die Ist-jetzt-nicht-dein-Ernst-Momente.

… an das Gefühl an einem neuen Ort aufzuwachen und von Null anfangen zu dürfen.

… nach vierzehn Monaten auf Achse das erste mal wieder heim zu kehren und sich morgens um 6 Uhr vor dem Abflug aus Bangkok noch ein letztes mal den Magen mit deftigem Streetfood zu füllen.

… generell die Sanddünen, die Schluchten, die Canyons, die Höhlen, die Küsten, die Wasserfälle, die Reisplantagen, die Gipfel – all das bietet die Natur und die Ansicht kostet nichts.

Nationalpark-Utah-Roadtrip

ES GAB AUCH UNANGENEHME SITUATIONEN

Rückblickend gab es auch Momente, die hätten schief gehen können. Situationen, in denen ich daheim sicher viel vorsichtiger wäre. Es sind auch die Vorkommnisse, aus denen ich gelernt habe. Unangenehm war, …

als mich ein Mann mit dem Auto bei einer Küstenwanderung an der Goldcoast im Regen verfolgte und immer wieder anhielt und frug, ob er mich zurück fahren solle.

als der Hostelmanager in Boston beinah mein Handy zerschmetterte, als ich filmte, wie es von den Duschräumen in den Treppenflur tropfte.

… als der Sturm in Namibia’s Wüste die ganze Nacht anhielt und ich ernsthaft Angst hatte, das Zelt würde entzwei reißen oder mich wegtragen.

… als ich ein Durchgangsverbotsschild zu einem aktiven Vulkan auf Reunion Island wegen Nichtbeherrschen der Französischen Sprache ignorierte, von Rauchwolken eingeschlossen und beinah nicht mehr zurück gefunden hätte.

… als mir in Kapstadt jemand den Rucksack im Vorbeigehen öffnete.

… als ich Picknick in Tasmanien auf einem Felsvorsprung machte und eine schwarze Schlange sah.

… als ich mit dem Auto im Schlamm festfuhr und die Reifen durchdrehten, weil ich unbedingt ab vom Massentourismus fahren wollte.

… als mich die Polizei in Las Vegas mit dem Auto auf die amerikanische Art und Weise anhielt.

… als ich in Ubud, einer indonesischen Stadt mit vielen chaotischen Motorrädern, lernte, mit einem Scooter zu fahren.

… als der durchgeknallte Hostelmanager in einem kleinen Ort in Südafrika die Nacht mit Gewehr auf dem Dach verbrachte, weil er irgendetwas ahnte und den nächsten Morgen spurlos verschwunden war.

… wenn nachts die U-Bahnen in Manhattan mit unangenehm riechenden Obdachlosen gefüllt sind und ich die aktuelle Gefahr meiner Situation nicht richtig einschätzen konnte.

TROTZ ODER WEGEN DER DREI JAHRE

… wundere ich mich immerzu, warum mein Handy nicht lädt, weil ich im Ausland vergesse, diesen Schalter für die Steckdose zu aktivieren.

… finde ich, dass jede Stadt und bestenfalls jede Straßenecke einen 7Eleven haben sollte.

… lerne ich, dass Taxifahrer zu ignorieren sind, die Massagen in Thailand die besten sind und generell nicht jede angebotene Hilfe gut gemeint ist.

… tu ich mich immer schwerer, Mails von deutschen Behörden oder Banken zu verstehen. Mit den Schachtelsätzen, dem Siezen und den vielen Substantivierungen, frage ich mich, ob man das nicht hätte auch einfacher ausdrücken können.

… könnte ich jedes mal auf den Satz „Du bist von Deutschland. Du müsstest doch an die Kälte gewöhnt sein!“ an die Decke springen.

… lerne ich, dass aus einem „nur für ein Getränk“ eine der unvergesslichsten Nächte werden kann und aus einem „nur mal kurz Brot einkaufen“ eine der lustigsten Bekanntschaften entstehen kann.

DAS TRAURIGE AM REISEN

Reisen ist wunderbar. Doch wo Sonne scheint, fällt auch Schatten. Das Traurige am Reisen ist, dass …

… man manche Orte gar nicht mehr schätzt. Wochenmärkte, Botanische Gärten, Gondelbahnen, Kriegsdenkmäler und Kunstgalerien gibt es in vielen Städten. Wenn du schon einige Schluchten, Vulkane, Gipfel und Küsten gesehen hast; wenn du kayaken, campen und mountainbiken warst; wenn du Elefanten, Delphine und Pinguine in freier Wildbahn gesehen hast, dann wird es immer schwieriger, etwas zu finden, was dich vom Hocker wirft.

… Abschiede mit den Reisejahren kürzer und schmerzfreier ausfallen.

… die Messlatte für einen Traumstrand unheimlich hoch liegt.

… du Geburtstage, Einschulungen, Hochzeiten und Geburten verpasst.

… du andere Menschen mit einem Stereotyp in deinem Kopf vergleichst.

… kein Bäcker der Welt deutsches Vollkornbrot backen kann.

… es mir mit jedem Reisejahr schwerer fällt, Verpflichtungen einzugehen, Mietverträge zu unterschreiben, Flüge weit im Voraus zu buchen und jede Art von psychischen und physischen Ballast zuzulassen. Ich lebe minimalistischer und intensiver. Ich habe gelernt, dass dich ein Schritt in zehn Richtungen nirgendwo hinbringt. Wohingegen dich zehn Schritte in eine Richtung deinem Ziel näher bringen können.

MEIN PLATZ IN DER WELT?

Wo soll mein Platz in der Welt sein? An einem Ort, an dem die Temperaturen nicht in den einstelligen Bereich wandern. An einem Ort, an dem ich frisches Gemüse auf dem Markt kaufen kann. Ein Ort, an dem ich freiwillig morgens mit der Sonne aufstehe. Ein Ort, an dem Menschen nicht durch Materialismus und Neid geprägt sind. Ein Ort, an dem ich mich im Gleichgewicht und zugehörig fühle. Ein Ort, an dem Palmen wachsen. Ein Ort, an dem das Miteinander ohne einem Haufen Regeln und Gesetze funktioniert. Ein Ort, an dem die Uhrzeit egal ist. Ein Ort, an dem mir die Natur mehr bietet als Shoppingcenter je könnten.

Noch mehr Reisekram:

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