Wilde Surf-Mentalität? Wie die Australier so sind

Wilde Surf-Mentalität? Wie die Australier so sind

Reiseberichte von Australien liest man im Web zur Genüge. Bitte noch nicht auf das X klicken.

Dies ist kein Reisebericht.

Reiseberichte gibt es auf COMFORTZONESLESS nämlich gar keine.

Vielmehr geht es hier um die Charakterzüge der Aussies. Um australische Umgangsformen. Um die Lässigkeit im Down Under. Um die australische Arbeitskultur.

Kurz: Wie es sich anfühlt, von australischer Mentalität umgeben zu sein. Was heißt denn „australische Mentalität“?

Eigenarten und andere Verhaltens- und Denkweisen, die ich vermehrt bei Aussies feststelle, fasse ich hier unter verschiedenen Mentalitäten zusammen. So bildet sich eine Surf-Mentalität. Eine Insel-Mentalität. Die No-worries-Mentalität. Und so weiter. Los geht’s!

INSEL-MENTALITÄT

Australier sind locker. Lockerer und lässiger als wir. Vielleicht liegt es an der Sonne? Vielleicht auch am Stolz, abgeschieden von der Masse zu sein. Abgeschieden vom Rest der Weltbevölkerung. Deshalb liegt unser Land, genauso wie Hawaii, Bali oder das Kap der Guten Hoffnung overseas. Alles, was nicht Australien ist, ist eine andere Kategorie. Die Betonung liegt auf EINE und ANDERE. Eine Kategorie und die nennt sich overseas. Kurz und treffend.

Eine Insel sein Land zu nennen und dennoch eigenständig zu sein – das ist Australien. Und das ist jedem einzelnen Australier bewusst.

Melbourne: In einer Gruppe von Aussies erzählte ich über meinen geplanten Trip nach Tasmanien, eine kleine Insel im Süden, dennoch zu Australien als Land gehörend. Ich erzählte, wie ich vorhatte, wieder zum Festland zurück zu kommen. In diesem Zusammenhang rutschte mir statt „main land“, „main island“ heraus. Die Empörung war groß. Sehr groß.

Australier wollen nicht als Inselbewohner bezeichnet werden. Dennoch sind sie sich über die Vorzüge sehr bewusst:

  • Die Flugstunden, die Touristen auf sich nehmen, zeugen doch davon, dass es in Australien etwas gibt, was woanders nicht existiert. Muss ja ein tolles Land sein. Und dann noch die unzähligen Backpacker von überall. Australien ist abgeschieden und beliebt.
  • Australien vereint Meer, Wald und Wüste in sich. Die Natur hinterlässt in Australien den Eindruck voller Vielfalt. Das gibt Australiern nicht unbedingt das Gefühl, etwas im eigenen Land zu vermissen. Der Drang, irgendwo anders hin zu fliegen ist nicht sehr groß.
  • Australisch ist kein Englisch. Australisch ist Australisch. Wie Amerikaner auch, differenzieren sich Australier vom Überbegriff der englischen Sprache. Gleichermaßen genießen sie keine Sprachbarrieren, wenn sie overseas reisen. Mit dem Slang entstehen neue Wortkombinationen. Die Alltagssprache wird gern verändert. Und schon sind wir bei der Mentalität Nummer 2 im Down Under.

 Insel Mentalität

„NO WORRIES“ – MENTALITÄT

No worries! Ein Ausdruck, den man in anderen englischsprachigen Ländern nicht hört. Ohne diese Vokabel geht in Australien nichts. Einfach nichts! Will man dazu gehören, muss man sie drauf haben und deren Verwendungszwecke kennen.

„Kein Ding!“, „Null Problemo!“, „Mach dir keine Gedanken!“, „OK!“, „Gern geschehen!“, „Passt schon!“ – die Bedeutungen sind breit gefächert und so auch die Einsatzmöglichkeiten.

Das ist nicht nur eine Phrase, sondern schon ein Mentalität. Zwei Wörter, denen ich in einem Blogbeitrag eine eigene Zwischenüberschrift widme. Steckt da vielleicht ein Wert dahinter? Ein Ideal? Ein Lebensstil? Okay, ganz langsam. Dazu muss ich die zwei Worte noch ein wenig ausschmücken.

No worries wird mir entgegnet, wenn ich jemanden anrempel und mich daraufhin entschuldige; wenn ich mich für etwas bedanke; wenn ich frage, ob ich den Pfefferstreuer bekommen kann; wenn ich bei der Arbeit in der Müsliproduktion erwähne, dass die Waage nicht exakt auf Null steht; wenn ich auf der Orangenpackfarm auf eine am Boden liegende Mandarine trete; wenn ich erwähne, dass ich die letzte Cornflakespackung leer gemacht habe oder frage, warum Pappe und Plastik zusammen in den Müllsack kommen.

In Deutschland ist die Einstellung selten verbreitet. Man könnt meinen, dass in Deutschland gerade die Themen, die am meisten Sorgen bereiten, diskutiert werden. Warum? Damit man sich so richtig schön auskotzen kann. Eben so richtig deutsch sein kann. Dann rege ich mich über die langsame Kassiererin auf. Oder den Herr am Schalter, der es einfach nicht blickt. Oder das Wetter, das eh immer unpassend ist. Oder den Verkehr. Oder die Steuererklärung, die überraschenderweise wieder fällig ist und einfach nur aufregt. Man erzählt möglichst ausführlich, was Nerven kostet. Was Energie kostet. Und merkt eigentlich gar nicht, dass das Aufregen an sich am meisten Energie frisst.

NO WORRIES verkörpert Optimismus. Kann aber auch eine Bezeichnung von „is mir doch egal“ sein. Mit diesen zwei Worten entzieht man sich gern und schnell einer weiteren Diskussion.

Mach dir keine Sorgen. Die Arbeit geht weiter. Die Zeit dreht sich weiter. Das Leben geht voran.

Aber manchmal denke ich mir als Deutsche in Australien, dass es eben gerade nicht okay ist. Ich will jetzt nicht ruhig bleiben. Und vielleicht wünschte ich mir eine Diskussion. Manchmal erwarte ich eine aussagekräftigere Antwort, statt ohne Sorgen aus der Konversation zu entfliehen.

Und wenn mich eine deutsche Kollegin beim Orangenpacken anschubst, sich entschuldigt und ich automatisch antworte „keine Sorge“, dann schauen wir uns beide an und schütteln den Kopf.

Im Deutschen würde man das so nicht sagen.

No worries Mentalität

OUTBACK-MENTALITÄT

Freiheit und Freiraum. Die Ausbreitung und die Weitläufigkeit. Die Dimensionen und die Entfernungen. Die Ausdehnung und das Ausmaß.

Das Outback hat etwas Mystisches. Es ist geheimnisvoll. Es ist unergründlich. Es ist nicht als Ganzes fassbar. Weitgehend touristenfrei. Und größtenteils vom Menschen unbewohnt. Dafür ist Australien bekannt. Dahinter entsprang die Geschichte. Hier leb(t)en die Aborigines.

Unter freiem Himmel in der Wüste zu übernachten ist etwas Besonderes. Der Sternenhimmel ist so klar. Und ich fühle mich so frei – ohne Dach über dem Kopf. In Europa ist das undenklich.

Australien ist ein Land, in dem ich Platz habe. Ich bin leicht faszinierbar von dem Nichts. Australien gibt mir dieses Nichts. Diese Weitläufigkeit. Keine Menschenseele auf mehreren Hundert Kilometern. Auch das echte Leben auf der Ranch ist in Australien noch authentisch.

Outback Mentalität

SURFER-MENTALITÄT

Surfen in Australien hat es zu einer eigenen Mentalität geschafft. Nicht nur die Sportart, sondern ich meine damit schon die Mentalität, die Einstellung, die Ideologie.

Als ich in Sydney arbeitete, wohnte ich am Bondi Beach. Jeden Morgen zeitig in der Früh wartete ich an einer Bushaltestelle. Die befand sich auf einem Hügel, von dem aus ich auf den Strand blicken konnte. Jeden einzelnen Morgen waren Surfer dort. Unvorstellbar, dass in ein paar Stunden der Strand mit Sonnenanbetern übersät ist. Ohne einen freien Quadratmeter.

In Australien machte ich ein paar Surfkurse. Meine Surflehrer waren vom Äußeren immer solche, die man sich vorstellt. Aber noch viel wichtiger: Sie vermittelten, dass Surfen ein Lifestyle ist. Keine Sportart, keine Beschäftigung, sondern ein Lifestyle. Einen Lifestyle, den man lebt. Eine Begeisterung. Dieses Funkeln in den Augen, wenn sie von dem Übergleiten einer großen Welle erzählen. Ich finde das toll.

Surf Mentalität

SONNENSCHEIN-MENTALITÄT

Ob Sonne glücklich … Entschuldigung. Dass Sonne glücklich macht, habe ich in einem kürzlichen Beitrag festgelegt. Mehr Sonne, mehr Lächeln. Da ist etwas dran. Das Leben in Down Under spielt sich draußen ab. Ich denke da an die BBQ-Grills an den Küsten. Das habe ich noch nie woanders gesehen, dass man einfach Grillwürste mitbringen und einen schönen Abend am Strand verbringen kann. Ohne, dass man es anmelden oder sich vorher in eine Liste eintragen muss.

In Australien kann es auch kalt werden. Ich denke dabei an die Südküste und vor allem an Tasmanien. Dennoch kommt es nicht an Deutschlands Temperaturen heran.  Zumindest habe ich das Wort „Winterdepression“ nicht einmal in Australien gehört. In Deutschland kommt es öfters vor. Ich benutze das natürlich auch um meine schlechte Laune ab November zu rechtfertigen.

In Down Under sieht man selten hektische Menschen. Obwohl alles generell länger zu dauern scheint – an der Supermarktkasse oder im Restaurant –ist man entspannter.

Sonnenschein Mentalität

SCHLANGEN-MENTALITÄT

Vor meiner Australienreise musste mich meine Umgebung äußerst bewusst darauf hinweisen, dass es in Australien viele giftige Tiere gibt. Schlagen und Spinnen und so. Und dabei verzogen sie so schön das Gesicht. Ist richtig. Man muss sich dessen bewusst sein und aufpassen.

Bewundernswert finde ich, wie Australier damit umgehen. Sie wachsen mit Schlangen und Spinnen auf. Für sie ist das wie Autobahn für uns. Es hat seine Daseinsberechtigung und gibt vielleicht sogar einen Kick. Außenstehende dagegen haben Todesgedanken.

Ich war unterwegs im grünen Tasmanien. Ich setzte mich auf einen großen Stein am Wasser und bereitete mein Picknick aus. Keine Menschenseele. Ein paar zarte Wellen. Ich dachte, dass sei paradiesisch. Weiter drüben entdeckte ich eine andere Wandersfrau. Sie wies mich freundlich darauf hin, dass sie hier eine schwarze Schlange gesehen hätte.

Ein Aussie hätte hier mit einem collen „Ok, danke für den Hinweis!“ reagiert. Und sie hätte wahrscheinlich  geantwortet „No worries“. Ich dagegen reagierte geladen und erschrocken zugleich. Schließlich saß ich zwischen Felsspalten. Das Picknick war damit gelaufen.

Schlangen Mentalität

„DARLING“-MENTALITÄT

Können die sich nicht mehr an meinen Namen erinnern? Egal wo ich mich befand und mit wem ich sprach, hängt es mir im Ohr: Darling.

Neben „no worries“ geht „Darling“ auch immer. Ist auch kombinierbar. Diese Anrede wird sowohl im freundschaftlichen Umgang als auch unter Fremden verwendet.

„Darling“ ist eine freundliche Anredeform. Nicht mehr. Nicht weniger. Interpretationen lässt man am besten weg. Ich habe auch schon „Princess“, „Sweety“, „My Love“ oder „Beauty“ gehört. Daran muss man sich erst gewöhnen und versuchen, nicht ständig zu erröten. Komisch ist es auch, wenn mich fremde Frauen als „Süße“ bezeichnen.

Diese Form der Anrede hat etwas Charmantes, wie ich finde. Damit bricht jedes Eis. Und der Einstieg in ein Gespräch  ist locker.

Australien ist für mich ein Land, in das ich gerne wieder einkehre. Ein Land, das positiv auf mich gewirkt hat. Ein Land, in dem ich mich auf lange Zeit wohlgefühlt habe. Und ein Land, dass bei „Stadt, Land, Fluss“ von ferngeweht einen Platz bekommen hat.

Fallen dir noch mehr Mentalitäten ein? Super, dann mach doch ein Kommentar draus!

Wenn nicht – no worries!

Einen Beitrag über Stereotypen und Mentalitäten habe ich auchüber Texas geschrieben: Wie wild ist die Cowboy-Mentalität in Texas?

9 Kommentare

  1. Pingback: Stadt, Land, Fluss - die XXL-Runde - Ferngeweht

  2. Witzig, wie Du die Mentalität beschreibst und toll, wie genau Du beobachtest. Ich frage mich dabei immer, ob wir diese angenehmen Wesenszüge nur von „außen“ so wahrnehmen und ob die Australier das genau so unterschreiben würden. Aber sicherlich haben „wir Deutschen“ Attribute wie Glassenheit und Leichtigkeit nicht gerade erfunden. Daher finde ich Reisen auch so wichtig – da hat man auf der Rückreise auch immer viel für das eigene Leben mit im Gepäck! Selbst beim Lesen Deiner Erfahrungen kann ich mir wieder eine Menge Denkanstöße rausziehen – toll und vielen Dank! LG Monika

    • Hallo Monika,
      das freut mich natürlich sehr. Danke dir!
      Um die landestypischen Eigenheiten als mehr oder minder schätzen zu lernen, muss man raus und andere Kulturen beschnüffeln. Wenn man daraus für sich selbst und die Einstellung etwas mitnehmen kann, hat das Reisen seinen Zweck erfüllt. Da bin ich ganz bei dir.
      Noch viele schöne Erfahrungen auf Reisen und herzliche Grüße,
      Stefanie

  3. Reiseberichte über Australien lese ich zwar auch gerne, aber mal etwas tiefer zu gehen, wie du es gemacht hast, finde ich sehr viel spannender. Gerade hab ich etwas ähnliches zum Thema „typisch japanisch“ gemacht, wollte das auch für die Stadt-Land-Fluss-XXL-Runde bringen, habe es aber noch nicht final entschieden (°_~).

    Danke für deinen Einblick und den wirklich schönen Text! Und das man schnell mit Australiern ins Gespräch kommt, kann ich nur bestätigen.
    Liebe Grüße, Daniela

    • Hallo Daniela,
      danke für deine netten Worte. Ich wollte unbedingt über Australien schreiben, aber nicht den Reisebericht xy veröffentlichen. Reiseinfos zu Australien findet man im Web. Mir war es wichtig, Erfahrungen einzubringen und wie es sich anfühlt, für längere Zeit im Aussie-Umfeld zu leben. Schön, dass es mir gelungen ist, dir einen kleinen Einblick zu geben, obwohl du dein Augenmerk eigentlich auf Japan lenkst. Das wiederum ist für mich unbekannt. Deshalb: wenn du an der Runde noch teilnehmen kannst, umso besser.
      Herzliche Grüße,
      Stefanie

  4. Voll netter Beitrag über Australien! Das mit den Schlangen und Spinnen wusste ich nicht, aber von der no-worries-Mentalität habe ich schon sehr oft gehört im Zusammenhang mit Australien. Ich muss da jetzt endlich auch mal hin!

    • Hallo Gudrun,
      ich habe in diesem Artikel versucht, Australien als Ganzes möglichst breit abzudecken, aber letztendlich musst du da selbst hin und in die australischen Denk- und Lebensweise eintauchen. Ich hoffe, Australien steht nun auf deiner Liste weit oben:)
      Viele Grüße,
      Stefanie

  5. Sehr schön geschrieben und sehr wahr. Unser Vermieter hat sich gestern sogar ein wenig lustig darüber gemacht, dass alle Welt denkt, jedes Tier hier möchte uns töten. Ich finde es toll, wie unfassbar freundlich hier alle sind und es kommt tatsächlich von Herzen. Sie machen es gern und möchten, dass man eine tolle Zeit in ihrem Land hat! Da können die meisten Deutschen sich noch eine Scheibe vom abschneiden, wie ich finde!

    • Hallo Christina,
      ich stimme dir zu. Es ist erstaunlich, dass die Gastfreundschaft immer noch anhält, obwohl das Land von Backpackern übersät ist. Tendenz steigend. Wenn man so herzlich von den Mitmenschen aufgenommen wird, fällt es umso schwerer, wieder abzureisen. In Australien, glaube ich, findet noch ein echtes „cultural sharing“ statt. Die meisten Australier haben Freude daran, den Reisenden einen Teil ihrer Kultur näher zu bringen. Sie wissen, dass es in der Kultur kein richtig und falsch gibt. Sie interessieren sie sich für dein Land, wollen lernen und tolerieren deine Herkunft. Das ist leider nicht in allen westlichen Ländern, wie beispielsweise der USA, der Fall.
      Ich wünsch dir noch eine schöne Zeit in Down Under.
      Viele Grüße über den großen Teich,
      Stefanie

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