Ich sollte keine Hauslatschen mit High Heels vergleichen – Auckland ist nicht meins

Ich sollte keine Hauslatschen mit High Heels vergleichen – Auckland ist nicht meins

Ende Juli kam ich in Auckland an und stürze mich sofort in die Jobsuche. Nun arbeite ich 9 to 5. Und das in einer Stadt in der ich guten Gewissens die Zeit im Büro verbringe anstatt zu erforschen. Denn Auckland ist … naja, nicht so meins.

Dies ist in Eintrag aus meinem Tagebuch.


Und eine weiterer Freitag Abend zieht ins Land an dem ich noch keine Pläne für das Wochenende habe und überhaupt auch absolut keine Ambition habe, Pläne zu schmieden. Es war sehr regnerisch und bedeckt in den letzten Wochen. Ich dachte das schmuddelige Wetter wäre meine Entschuldigung dafür, warum ich mich nicht in den Bus setze, raus aus Auckland fahre und erkunde. So wie ich es sonst tun würde.

Mittlerweile denke ich, dass der wirkliche Grund für meine Unlust ist, dass Neuseeland wahrscheinlich nicht für mich ist. Wir werden irgendwie nicht warm. „Auckland“ klingt sehr herb. Ich kann mich irgendwie nicht mit der Stadt verbinden. Meine Erwartungen an einen neuen Ort in der Welt und das, was Auckland mir bietet, passen nicht zusammen.

Vor zwei Wochen habe ich begonnen, Reisepläne zu schmieden. Ich schaute nach Mietpreisen für ein Auto, nach Busverbindungen und Entfernungen auf Google Maps. Ich notierte, welche Routen ich über ein verlängertes Wochenende machen könnte und welche über die Weihnachtsfeiertage. Ich zwang mich regelrecht, nun doch endlich mal in die Gänge zu kommen und zu schauen, was das Land eigentlich zu bieten hat. Das ist normalerweise das, was ich sofort tue, wenn ich mich in einer neuen Stadt eingelebt habe, was circa ein bis zwei Wochen dauert.

In New York hatte ich so viel Freude, Reiserouten zu planen. Irgendetwas ist anders mit Auckland. Wenn ich an meine ersten Wochen in NYC denke, dann waren die gefüllt mit Erforschungstouren der Stadt, der Viertel, der Subway, der Parks und der Tante Emma Läden. An meinem allerersten Wochenende noch vor Arbeitsbeginn radelte ich entlang des Hudson Rivers from Battery Park zum Fort Tryon Park zu einem Schloss mitten im Grünen. Ich erinnere mich, dass ich mir von dieser Radtour eine Erkältung zuzog, da es gerade erst Frühling wurde und es doch sehr kalt war. Das Nieselwetter hinderte mich nicht daran, Manhattan zu erkunden. Ich machte trotzdem Picknick im Park und fand Indoor Aktivitäten. Museen sind größtenteils kostenlos, die Büchereien sind gemütlich und mit Charme gefüllt und die Einkaufszentren sorgen auch für Nicht-Shopper für Unterhaltung. Und irgendwie schaffte ich es zwischen Feierabend um 18 Uhr und dem Gang zum Fitnessstudio um 22 Uhr durch neue Stadtviertel zu schlendern und Neues aufzusaugen. Ich lernte die Stadt kennen. Das hat soviel Spaß gemacht.

Battery Park New York
Battery Park New York

Nach drei Wochen in New York nahm ich den Bus nach Washington D.C. Ein anderes Wochenende fuhr ich nach Boston, nach Philadelphia, zur Jersey Shore, nach Atlantic City, in die Hamptons, über Weihnachten nach Miami, einen Reisefreund in Chicago besuchen und nach Las Vegas mit einem Hammer-Roadtrip durch Utah. Ich musste mich selbst bremsen. Ich schwor mir, nicht mehr als einen Ausflug pro Monat zu unternehmen. So würde ich nicht die Entdeckerfreude verlieren.

Ich erinnere mich, dass ich trotz oder gerade aufgrund des strömenden Regens in New York so tolle Fotos vom Leben auf den Straßen schoss. Ich blühte auf. Ich war bestrebt darauf, ein Teil New York Citys zu werden – New Yorkerin zu werden. Ich verliebte mich in New York. Ich verschmolz mit ihr zu Einem. Ich ging raus und hüpfte durch die Straßen. Zumindest bildlich gesprochen.

New York City im Regen
New York City im Regen

Auch Sydney erforschte ich, sobald ich meinen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte. Sydney machte so viel Spaß. Es war Hochsommer und ich fand tolle abgelegene Strände. Ich fand es erstaunlich, innerhalb von einer Stunde vom Stadtzentrum an einer der schönsten Bucht Australiens zu liegen. Oder innerhalb von zwei Stunden in den Blue Mountains mit Wanderschuhen zu stehen. Ich spazierte an der Küste entlang. Ich sah die Harbour Bridge von jedem nur denkbarem Winkel. Das war genial. Und selbst zwischen meinem Haupt- und Nebenjob fand ich die Zeit und Energie, durch neue Straßen zu schlendern, Leute zu beobachten und das Stadtleben wahrzunehmen. In Sydney zog ich oft um. Dadurch war ich gezwungen, neue Transportrouten zu nehmen und lernte damit die Stadt in- und auswendig kennen. Die Kamera hatte ich immer bei mir. An jedem Wochentag.

Blick auf die Harbour Bridge in Sydney
Blick auf die Harbour Bridge in Sydney

Hier in Auckland packte ich meine Kamera bis jetzt genau einmal ein, als ich eine Küstenwanderung am Point Heliers machte. Und es war noch nicht einmal atemberaubend. Meine Kollegen, da sie meinen Hintergrund kaum kennen, denken wahrscheinlich, dass ich ein junges langweiliges Mädchen bin, dass am Wochenende nur daheim sitzt und nichts tut. Meine Kollegin versucht, mir immer wieder Orte vorzuschlagen, wie das Theater, Kino, Kunstmuseum, Mission Bay (ein Ministadtstrand mit zwei Cafes) oder das Sea Life Aquarium (Pinguine habe ich zur Genüge in freier Wildbahn gesehen). Ich kann diese Dinge überall auf der Welt tun. Oh, ich habe den Skycity Tower vergessen. Es kostet knapp 30 Dollar einmal hoch zu fahren um dort oben einen 360 Grad Blick auf die Stadt zu bekommen, die ich noch nicht einmal auf Bodenlevel mag. Der Skytower wird nachts geschmacklos beleuchtet. Ich musste den Tower schon manchmal auslachen. Er kommt noch nicht einmal geringfügig an das Lichterspektakel des Empire State Builing heran. Selbst der Tower in Sydney bot bessere Blicke auf den Hafen, die Brücke und sogar bis nach Manly.

Aussicht vom Sydney Tower Eye
Aussicht vom Sydney Tower Eye

Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, wo die Kiwis ihren Spaß finden, betrat ich voller Enthusiasmus das Casino im Skytower. Und der Vergleich zu Las Vegas holt mich sofort ein. Ich weiß, ich sollte hier keine Hauslatschen mit High Heels vergleichen, aber ich kann es nicht abstellen. Die Spieler sitzen mit aufrechtem Rücken anständig vor den einarmigen Banditen. Es gibt keine Ladies die durch die Casinos gehen und „Cigarettes and Cigars?“ zwitschern oder für ein kleines Trinkgeld so viele Drinks wie denkbar servieren. Es gibt noch nicht einmal Abstellfläche an den Spielautomaten für Getränke. Genau das, was Auckland im Ganzen wiederspiegelt: Nur nicht auffallen. Sich untermischen. Und sein Ding machen.

Der beleuchtete Skytower Aucklands
Der beleuchtete Skytower Aucklands

Ich bin mir sicher, dass die echte Schönheit Neuseelands, von der jeder spricht, hinter Auckland liegt. Zumindest rede ich mir das ins Gewissen. Und wenn meine Arbeit hier endet, dann werde ich diese Schönheit persönlich suchen gehen.

Soweit kann ich sagen, dass mehr Chinesen als erwartet in Auckland sind. Der verrückte Teil der Chinesen. Die, die ein Leben führen, von dem die Eltern in China besser nichts wissen sollten. Das sind die, die sich ihre schönen glanzvollen Haare strohig blond färben. Die, die ins Fitnessstudio pumpen gehen. Ich hatte bis vor meiner Ankunft in Auckland noch nie einen muskulösen Chinesen getroffen. Und die, die rauchen. Auch hatte ich bis dato so gut wie noch nie einen rauchenden Chinesen gesehen.

Das Essen ist so teuer hier, dass es gar keinen Spaß macht, einkaufen zu gehen. Zwei Stück Paprika gibt es zum Aktionspreis für umgerechnet 3,50 Euro. Die Menschen scheinen nett auf den ersten Blick, doch haben zu allem und jedem eine leise Meinung. Manche bezeichnen die Kiwis als „laid back“ – gelassen. Nicht das thailändische „laid back“, sondern das schläfrige „laid back“. Es ist doch schon sehr ruhig hier. Damit meine ich, es gibt keinen WOW-Effekt für mich. Ich wandere nicht durch die Straßen und riskiere mein Leben beim Überqueren der Straße. New York war so hektisch und hat sehr viel Energie erfordert. Zugleich gab mir New York sehr viel Energie. Wohingegen ich in Auckland gar nicht wüsste, wo die Energie herkommen sollte. Hier fließt gar keine Energie. Vielleicht braucht die Stadt ein Feng Shui Redesign?

Auf den Straßen Aucklands
Auf den Straßen Aucklands

In New York schrieb ich Blogeinträge mit einem Gedanken pro Tag in New York. Warum? Weil ich es konnte. Weil kein Tag dem anderen glich. Weil ich jeden Tag etwas Neues erlebte. Aber hier in Auckland kann ich dir genau sagen, wer mir auf meinem 25min Weg zur Arbeit entgegen kommt. Ich wundere mich echt, dass ich nicht einschlafe, so fade ist der Weg und dabei geht er direkt durch die Innenstadt. Jeder Tag ist gleich.

Auch in den Nachrichten hat Neuseeland nichts vom eigenen Land zu zeigen. Weil einfach nichts passiert. Sie zeigen den Wetterbericht von Europa. Hier im 18.000 km entfernten Neuseeland. Nur um Sendeminuten totzuschlagen. Unglaublich.

Die neuseeländischen Wahlen fanden gestern statt. Ich hab es erst vor Kurzem herausgefunden, als meine Kollegin erwähnte, sie habe die Debatten angesehen. Kurz darauf sah ich auch ein Werbeplakat an der Bushaltestelle, das zum Wählen auffordern sollte. Ganz ordentlich und sauber aufgehangen. Dafür gibt es sicher Richtlinien. Ich muss schmunzeln. Wenn ich mich an die Wahlen der USA 2016 zurückerinnere, war das wie Tag und Nacht. Mensch, da war was los. Selbst wenn ich keinen TV besessen hätte, wären die Wahlen nicht an mir vorbeigegangen. Menschen diskutieren lautstark, wer der bessere Präsident bzw. die bessere Präsidentin sei. Die Übertragungen der Debatten waren DAS Gesprächsthema in ganz USA. Aber hier in Neuseeland scheint sich niemand mit seinen Gedanken zu öffnen. Alles passiert still und heimlich. Womöglich möchte niemand sein Gesicht verlieren?

Eine ruhige Fußgängerpassage in Auckland
Eine ruhige Fußgängerpassage in Auckland

Der einzige Spaß der Woche passiert wohl am Freitagnachmittag wenn sich zum Feierabendbier mit den Kollegen versammelt wird. Das hat schon so viel von Tradition, dass es eine Routine ist. Und damit meine ich, dass man sicher sein kann, dass nichts aus dem Rahmen fällt. Jeder bestellt die gleiche Biersorte in der gleichen Runde in der gleichen Bar wie in der Woche zuvor.

Und wenn ich doch mal eine Gruppe singender Religiöser antreffe oder mich der Feuertestalarm 2:52 in der Früh aus dem Bett reißt, dann denke ich „Ja, Auckland, das ist doch schon einmal ein Anfang. Bleib dran.“

Am Ende des Tages macht hier jeder sein eigenes Ding und versucht, sich in der Masse unterzumischen. Ich meine, in New York waren alle Einzelgänger. In der Ubahn hat auch niemand mit Fremden geredet. Aber der große Unterschied ist, dass die Bewohner stolz wie Bolle waren, es in New York geschafft zu haben. New York City ist nicht nur ein Wohnort, sondern spiegelt eine Lebenseinstellung wieder. Die Leute in New York nennen sich „New Yorker“. Die Leute in Auckland nenne ich „Normalos“.


Das ist ein Eintrag in mein Tagebuch, wie ich ihn soeben geschrieben habe. Ich dachte, ich teile diese ganz persönlichen Gedanken hier.

Es geht mir nicht schlecht. Ich weiß, dass ich jederzeit umziehen kann. Diese Freiheit ist das Wertvollste, das ich besitze. Jede Erfahrung und jeder Eindruck ist Teil des Reisens, den ich nicht wegradieren möchte. Umso mehr schätzte ich die Orte, an denen ich mich so richtig wohlgefühlt habe.

 

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